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Game over?

Es hatte alles so gut angefangen. Ich weiß noch, es war im Frühjahr 1998, ich studierte Kunstgeschichte und war gerade dabei, von Rom nach Berlin zu ziehen, da sah ich in einer Zeitung eine blassblaue Anzeige: „1. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst“. Weil ich auf der Suche nach einem Praktikum war, bewarb ich mich und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich betrat eine Baustelle in der Auguststraße, die früher eine Margarinefabrik gewesen war und nun „Kunst-Werke“ hieß.

 

Auf zwei eingestaubten Etagen saßen junge Leute auf roten Drehsesseln in Turnschuhen. Einer von ihnen hieß Klaus Biesenbach. „Klaus“ – das merkte ich, sobald mein Praktikum begann – war ein magisches Wort. Es ließ Menschen aufschrecken, erstarren und weinen. Wenn Klaus’ Handy klingelte, war es, als wehte ein kalter Wind durch den Baustellenstaub. Aber Klaus war genial. Er hatte die Kunst-Werke und die Berlin Biennale gegründet, für die er Nancy Spector vom Guggenheim-Museum und den Überallkurator Hans Ulrich Obrist an seine Seite holte. Und obwohl in den Büroräumen eine Stimmung unter dem Gefrierpunkt herrschte, gingen hier Politiker, Sponsoren, Architekten, Modeleute, Galeristen und Künstler ein und aus.

 

In einer Mischung aus Stolz und Erregung verriet ihre Miene vor allem eins: Aufbruchsstimmung. Wir alle wussten: Dies war ein historischer Moment. Wir waren dabei, als Berlin neu geformt, die Geschichte der Stadt neu erzählt wurde. Alles was sie in den Neunzigern ausmachte, floss auf dieser Biennale ineinander. Und was man sah, war so neu, anders und frei, wie die Stadt später nie wieder sein sollte. „Statt den Globus nach einer Anzahl programmatischer Künstler abzusuchen, die auf die eine oder andere Art die signifikantesten Trends unserer Zeit verkörpern, entschieden wir uns, die wahrhaft ‚glokale‘ Kultur der verschiedenen Berliner Kunstszenen zu untersuchen“, schrieb Biesenbach im Katalog.

 

Und so traf man in den KW, im brüchigen Postfuhramt und in der ruinösen Akademie der Künste am Pariser Platz auf Wolfgang Tillmans, Jonathan Meese, Monica Bonvicini, Olafur Eliasson, Rineke Dijkstra, Thomas Hirschhorn, Tobias Rehberger, Andrea Zittel – schaut man sich die Künstlerliste heute an, ist klar, was Klaus & Co damals leisteten. Ich erinnere mich an die Besuche von Malcolm McLaren und Dennis Hopper, der staunend durchs Postfuhramt tappte.

 

Parallel eröffnete die Ausstellung „Sensation“ im Hamburger Bahnhof, Damien Hirst und Tracey Emin waren also auch in der Stadt. Über allem hing der Techno aus dem WMF, dem Tresor und den Bars, die nach dem Tag benannt waren, an dem sie offen hatten. Es war, als schwebte Berlin ein paar Meter über dem Erdboden. Neun Jahre nach dem Mauerfall lieferte die Kunstszene das unglaublichste, faszinierendste, beste Bild, das man von der Stadt und von dieser ganz neuen Künstlergeneration je gesehen hatte. Es war, so dachte man damals, die Geburt einer neuen Kunstmetropole, ein Versprechen von Weltstadt und Freigeist, bei dem alles möglich war, während London, Paris, Köln und New York in alten Hierarchien feststeckten. Wer in Berlin lebte, hatte recht.

 

Das sah auch noch so aus, als wenige Jahre später der Kunstmarkt-Boom losging. Mit dem Gallery Weekend, 2004 gegründet von einer Handvoll Galeristen, ging es nicht nur ums Verkaufen. Die Stadt selbst war das Ereignis, mit ihren Ateliers, Dinners und Partys in Hinterhöfen, alten Ballsälen und leeren Industriehallen. Leider war damals schon klar, dass die Museen kein Geld und kein großes Interesse daran hatten, diesen Hype zu fördern. Im Hamburger Bahnhof hing seit der Eröffnung 1996 die Sammlung Marx wie ein Mahnmal der Unbeweglichkeit. Dann lieh der Schweizer Mick Flick dem Haus seine Sammlung und übernahm die Rieckhallen. Ein Aufschrei ging durch die Menge: Die Museen kauften selber nichts, aber hängten sich an einen Sammler, dessen Familie sich weigerte, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen.

 

Doch es wurde still, als Qualität ins Haus kam: Bruce Nauman, Dieter Roth und Martin Kippenberger brachten die Staatlichen Museen zumindest einen kleinen Schritt weiter in der Gegenwart. Denn nach dem „Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst“ hatte man vor allem das MoMA in Berlin hervorgebracht. Der Blockbuster, der 1,2 Millionen Besucher anzog, war zugleich ein Eingeständnis der eigenen Tristesse: Welches andere Museum würde sich mit Leihgaben brüsten?

 

Doch es war die Zeit von „arm aber sexy“. Künstler erfanden Projekträume wie das „Autocenter“ die „Forgotten Bar“ und die „Schickeria“. Um ihnen eine Stimme zu geben, gab es nichts Besseres als die Gründung des Kunstmagazins Monopol durch Florian Illies, dem Autor von „Generation Golf“. Hier lernte ich schreiben. „Monopol“ wurde die Chronik der fetten Jahre, berichtete früh über Thomas Zipp, Katja Strunz und Alicja Kwade. Parallel sah man deren Werke im neuen Boros-Bunker, dem bis heute wohl verrücktesten Privatmuseum der Welt.

 

Flankiert vom Schinkel Pavillon, dem Grill Royal und der King Size Bar, wurde die verrockte Coolness der Neunziger von einem Glamour abgelöst, der den kaputten Räumen von DDR und Drittem Reich eine neo-elegante, kosmopolitische Geschichte einschrieb. Längst gab es mehr Galerien als Technoclubs, viele zogen aus dem Rheinland her und verteilten sich über die ganze Stadt. Sprüth Magers am Oranienburger Straßenstrich, Max Hetzler im rotzigen Wedding, später KOW in einer fancy Bauruine und Johann König in einer Kirche.

 

Doch bei all dem fragte man sich, wo eigentlich die richtig guten Ausstellungen blieben, für die die Kunstwelt nach Berlin kommen sollte. Nachdem Udo Kittelmann 2008 Direktor der Nationalgalerie geworden war, mit fünf Häusern unter einem Dach, warteten alle auf den Befreiungsschlag. Aber dann kam eine Reihe von Spektakeln. Er holte mit Carsten Höllers Rentiere ins Haus, bei denen man übernachten konnte. Er stellte mit Scheibitz, Eder, Kunze und Reyle eine nette Berliner Männertruppe aus. Gut, die Retrospektiven von Gerhard Richter und Hilma af Klint waren große Würfe. Doch dass seine Antrittsschau „Die Kunst ist super!“ hieß und ein Wirrwarr von Werken zeigte, die offenbar nichts gemein hatten, außer „super“ zu sein, fand ich damals schon bescheuert. Ich kannte Kittelmann von einem weiteren Biennale-Job in Venedig, als er mit Gregor Schneiders großartigem „Totes Haus ur“ den Goldenen Löwen gewann. Doch in Berlin wirkten seine Versuche, den lecken Museumsdampfer noch einmal auf hoher See zu steuern, zuletzt irgendwie hilflos.

 

So wie die Kunstwelt der Hauptstadt überhaupt an internationaler Sichtbarkeit verlor. Okay, mit Susanne Pfeffer erlebten die KW ihre beste Zeit, die Ausstellung von Absalon ist unvergesslich. Und ja, die Berlinische Galerie hat mit Thomas Köhler einen Leiter, der die wunderbare Dorothy Iannone wiederentdeckte. Aber wann gehe ich schon in die Kunstvereine der Stadt? Muss ich ins Haus der Kulturen der Welt oder schaue ich mir lieber gleich eine Arte-Doku übers Anthropozän an? Und was ist mit der Berlin Biennale?

 

Die letzte, die Freude machte, ist 13 Jahre her, kuratiert von Maurizio Cattelan. Seitdem illustriert sie vor allem das, worüber Politikwissenschaftler auf Podien diskutieren. Und die stetig umgemodelte Messe abc verströmt am Flughafen Tempelhof Lokalkolorit. Nach Berlin, so scheint es, reisen Kunstgäste schon länger nicht mehr. „Berlin got a bit boring“, höre ich im Ausland. In Berlin tut man so, als wäre die Kunst immer noch super. Das irritiert mich.

 

Wie schön, dass wenigstens der Marketingtempel Humboldt-Forum bald die Touristenmassen anziehen wird. Dass der Palast der Republik als Ausstellungshalle einst selbst meine Bankerfreunde aus London umhaute, geschenkt. Und was macht es schon, dass die Sammlungen von Erika Hoffmann und Egidio Marzona nach Dresden wanderten? Dass Flicks Rieckhallen abgerissen werden? Der Marx-Flügel vorerst geschlossen wird?

 

Lieber plant man ein Museum der Moderne auf dem Potsdamer Platz, das statt geplanten 200 Millionen nun 450 Millionen Euro kosten soll. Wie die unterfinanzierte Riesenbehörde den neuen Bau sinnvoll füllt, ist eine Aufgabe, die Kittelmann nun anderen überlässt – er hat nämlich gerade verkündet, dass er seinen vertrag nicht verlängern wird. Was immer man von seinem Programm halten mag: Als flotter Großkurator so lange im Museumsmief auszuharren, war eine Kunst für sich. Ach, und noch jemand verlässt Berlin, wo man ihm eine Professur an der UdK hinterherwarf. Sein Atelier will Ai Weiwei aber behalten – gleich neben Olafur Eliasson, der, wie Katharina Grosse oder Julius von Bismarck, hier ein Großstudio betreibt.

 

Aber vor allem: Wann habe ich hier zuletzt eine wirklich tolle, international relevante Ausstellung gesehen? Die umwerfende Kai-Althoff-Schau fand in Manhattan statt, für die „Chicago Imagists“ musste man zur Fondazione Prada nach Mailand, und Paris ist ohnehin die beste Stadt für Kunst aus allen Ländern und Epochen. Über Berlin aber hängt ein Dunst, der nach zwanzig Jahren Selbstbesoffenheit riecht. So frei die Stadt einmal war, so in sich verhakt ist sie jetzt.

 

Ja, die Szene ist divers und groß, und Eröffnungen werden von androgynen Menschen mit Undercuts und Moonwashed-Karottenjeans geflutet. Man sah sie auch auf der Anne-Imhof-Performance am Hamburger Bahnhof vor drei Jahren – vielleicht das letzte Highlight, das Euphorie und Debatten auslöste. Doch das Versprechen, Berlin zu einem wirklich wichtigen Kunststandort zu machen, wurde nicht eingelöst.

 

Im Gegensatz zur bösen Start-up-Branche, die die Stadt fast über Nacht in eine junge, fröhliche, international effiziente Tech-Plattform verwandelte, fühlt sich der Kunstbereich oft schlaff, starr und spießig an. Gespräche kreisen seltener um gute Kunst und geile Orte, sondern um das Geld, das nicht mehr so reinkommt wie früher. Es ist, als hätte sich die Szene in ihrem eigenen Netzwerk verheddert.

 

21 Jahre nach der 1. Berlin Biennale frage ich mich: Wie konnte der Aufbruchsgeist von damals so verpuffen? Wie lange will man noch „arm aber sexy“ sein? Geld gibt es seit Jahren genug – es landet nur in den falschen Kanälen. Und was tut die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, um das Museumsgeschwür aus Bürokratie, Arroganz und Heuchelei zu zerschlagen?

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall windet sich Berlin in einem Provinzialismus, der die Welt den Kopf schütteln lässt. Wenn das so weitergeht, werden sich kein Kurator, kein Sammler und keine Galerie von globalem Format mehr hierher verirren. Und dann? Dann gehen auch die Künstler.