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Made in Japan

Abstraktion ist ein Importprodukt: Eine phantastische Ausstellung im Bahnhof Rolandseck zeigt, wie viel die Kunst der Moderne Japan verdankt

 

Welt am Sonntag, 19. August 2018

 

Die Katze ist zurück. Friedlich und fragil ruht sie wieder auf einem kleinen Kissen in Claude Monets Esszimmer, in seinem Haus im nordfranzösischen Giverny, das übersäht ist mit japanischen Kunstdrucken. Monet liebte Japan, obwohl er nie hingereist ist. Auch die Porzellankatze kommt von dort, wahrscheinlich das Geschenk eines Bewunderers des Malers. Nach dessen Tod schenkte sie Monets Sohn Michel seiner unehelichen Tochter. Bis letzten Herbst wusste niemand etwas von ihr. Sie starb 2008, doch erst in diesem Sommer kamen die Memorabilia ihres Großvaters in eine Auktion bei Christie’s. Darunter auch die Katze. Ein japanischer Kunsthändler erwarb sie für 67.000 Dollar und stiftete sie sofort der Fondation Claude Monet – in Japan ist man sich nämlich durchaus bewusst, welchen Einfluss die eigene Kultur auf den Vater des Impressionismus ausübte. Und so pilgern vor allem Touristen aus Asien nach Giverny, schieben sich durch das kunterbunt leuchtende, nach Farben orchestrierte Blütenmeer des Gartens, machen Selfies vor den japanisch inspirierten Brücken und den Seerosen auf dem Teich, wie man sie von zahllosen Bildern kennt. Man bekommt hier eine Idee davon, was die Ästhetik Japans für Monet bedeutete – und damit für die Kunst der Moderne.

In die Tiefe geht jetzt eine Ausstellung, die ein paar Schritte weiter im Musée des Impressionismes zu sehen war und die jetzt ins Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen zieht. Dort zeigt sie in erweiterter Form, wie sehr der Japonismus in unsere Populärkultur vorgedrungen ist – anhand von Manga und Anime wird hier demonstriert, dass auch Heidi und die Biene Maja ihre Wurzeln im japanischen Farbholzschnitt haben. Es ist eine Schau, die in eindrucksvoller Weise belegt, wie sehr sich fast alle großen Maler im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an den Grafiken von Künstlern wie Katsushika Hokusai, Kitagawa Utamaro oder Utagawa Hiroshige orientierten. Hintergrund war die Öffnung Japans, nach zwei Jahrhunderten der Isolation. Mit der Meiji-Restauration 1868 bis 1912 exportierte das Land seine Kultur im großen Stil. Vor allem bei den Weltausstellungen entdeckte das westliche Publikum eine Kunst, die Naturphänomene und Alltagsszenen auf Straßen und Feldern darstellt – in einer unvergleichlichen Eleganz und intensiven Farbkraft, die auf Schattierungen völlig verzichtet. Die im Westen zelebrierte Zentralperspektive, in der Renaissance von Leon Battista Alberti entdeckt, spielt hier überhaupt keine Rolle. Die Szenen setzen sich in asymmetrischen Kompositionen zusammen. Menschen und Natur werden gleichermaßen mit schwarzen Konturen abgesetzt. Es tauchen Geishas, Paravents, Kimonos, Sonnenschirme und Fächer auf, Wasserfälle, Monster und exotische Pflanzen – all das sind Dinge, die man in Europa so nicht kennt und die nun eine ganze Künstlergeneration in den Bann ziehen.

Monet und Edgar Degas zählen zu den ersten, die sich bei den neuen Pariser Händlern mit Drucken und Kunstgegenständen aus dem Orient eindecken. Bald bieten auch die großen Kaufhäuser Le Printemps und Bon Marché japanischen Krepp für kleines Geld an – Japonismus wird zu einer regelrechten Mode, die zum guten Ton gehört. 1883 schreibt Émile Zola in seinem Roman Das Paradies der Damen: „Vier Jahre hatten Japan genügt, um die gesamte kunstbeflissene Kundschaft in Paris in den Bann zu ziehen.“ Doch es sind die Kunsthändler Tadamasa Hayashi und der deutsche Siegfried Bing, die für die japanische Druckgrafik die eigentliche Arbeit leisten – und bei denen sich die impressionistischen Künstler ihre Sammlungen zusammenstellen. Hayashi kam ursprünglich als Übersetzer zur Weltausstellung nach Paris, Bing bringt die Zeitschrift Le Japon artistique heraus und organisiert Ausstellungen. Sein größter Coup ist die Retrospektive zur japanischen Druckgrafik 1890 an der École des beaux-arts, der bis dahin wichtigsten Schau zur Holzschnittkunst – womit er dem Trend, der bereits bei manchen Künstlern zu einer gewissen Geringschätzung führt, durch Fachkenntnis und würdevolle Präsentation Einhalt gebieten will. Sein Plan geht auf.

„Sie kommen zum Mittagessen zu uns und danach schauen wir uns die japanischen Farbholzschnitte in den Beaux-Arts an. Das darf man einfach nicht verpassen. Kommen Sie, so schnell Sie können“, schreibt die Malerin Mary Cassatt an ihre Kollegin Berthe Morisot, nachdem sie gemeinsam mit Degas in der Schau war. Auch Theo van Gogh empfiehlt sie seinem Bruder Vincent. „Mein Atelier ist recht erträglich, vor allem seit ich eine ganze Sammlung von japanischen Farbholzschnitten an die Wand geheftet habe“, hatte der sich zuvor als Fan geoutet. Von jetzt an gibt es kein Halten mehr. Die jüngeren Impressionisten um Pierre Bonnard und Edouard Vuillard heften sich japanische Grafiken mit Reißzwecken ins Atelier. Paul Gaugin nimmt auf seinen Reisen Farbholzschnitte voller Geishas und exotischer Pflanzen mit. Paul Signac lässt sich als verkleideter Samurai ablichten. Ältere Künstler wie Camille Pissaro und Edouard Manet, die junge Nabis-Gruppe um Maurice Denis und Félix Valloton sowie der Fantast James Ensor im belgischen Ostende – keiner von ihnen bleibt unbeeindruckt von dieser Kunst, die nun wie eine große Welle die Ateliers überflutet.

Die Ausstellung „Im Japanfieber. Von Monet bis Manga“ zeigt in konzentrierter, eindrücklicher Weise, dass der Impressionismus, der heute als eine der fruchtbarsten Epochen der Malerei gefeiert wird und den Grundstein zur Abstraktion legte, ohne Japan nicht denkbar ist. Ganze Sammlungen von Künstlern, die mit japanischer Grafik ihre Ateliers und Wohnräume dekorierten, sind hier ausgestellt – allen voran die sorgsam zusammengetragenen Blätter von Monet, der den Blick vor allem auf Blumen, aber auch auf Fische, Wasserfälle und Vulkane richtet, darunter ein Abzug der berühmten „Großen Welle“ von Hokusai und leuchtende Landschaften von Hiroshige. Von selbigem stammen auch Exemplare aus der Sammlung Paul Signac, die noch nie zuvor ausgestellt war: Triptychen von Geishas auf Brücken und Kampfszenen auf dem Meer bieten einen erzählerischen Panoramablick, wie man ihn viele Jahrzehnte später in Comicstreifen finden wird. Ebenfalls erstmals zu sehen sind Grafiken aus der Sammlung des Künstlers Théo van Rysselberge, darunter das berühmte rauchende Monster aus Hokusais Serie „Hundert Gespenstergeschichten“ von 1831-32. Dessen 15bändiges Skizzenalbum „Manga“ – das erst einmal nichts mit Comics und Anime zu tun hat, aber zeigt, woher diese Ästhetik stammt – bildet so etwas wie die DNA des Japonismus: Auf tausenden Bildern zeigen Flora und Fauna, Alltagsszenen und Fabelwesen eine Welt des einfachen Nebeneinanders, der schrägen Kompositionen und flächigen Formen. Es ist ein Kosmos jenseits jeder realistischen Darstellung, wie sie die europäische Kunst bis dahin angestrebt hat. Die Impressionisten erkennen in der Sichtweise der Japaner eine Modernität, die sie nun auf ihre eigene Wirklichkeit anwenden. Auf ihren Bildern tragen Frauen plötzlich Kimonos und Sonnenschirme, die an die Accessoires von Geishas erinnern. Leinwände werden auf einmal in Form von Fächern auf die Wand gesetzt, die Menschen in ländlicher Umgebung abbilden. Druckgrafik wird zu dem Medium, das den Künstlern neue Experimente erlaubt: Pierre Bonnard bedruckt Paravents, auf Mary Cassatts Gravuren sehen die Damen irgendwie japanisch aus, Édouard Manets Lithografien von Katzen wirken wie sinistre Vorfahren von Felix the Cat, Edgar Degas’ Monotypien erscheinen wie abstrakte Farbfelder.

Doch vor allem verändert sich die impressionistische Malerei. Flächigkeit und potentielle Endlosigkeit des Bildaufbaus prägen von nun an die Leinwand. Van Gogh betupft sie mit Farbflecken ohne Schatten, Paul Gaugin setzt auf starke Konturierung seiner Figuren. Claude Monets diffuser Blick auf Wasser und Wellen nimmt den gesamten Bildraum ein. Immer weiter entfernt sich diese Kunst von der Wirklichkeit und läuft unvermeidlich auf das zu, was zum Inbegriff der Moderne werden wird: die Abstraktion. Um die Jahrhundertwende lösen sich die Künstler vollends von der Imitation der Natur – was bleibt, ist allein die poetische Atmosphäre von Feldern, Sonnenuntergängen und Seerosen, die als pure Farbflecken umherflirren. Nachahmung ist nichts, Emotion ist alles. Die Errungenschaft der modernen Kunst ist die Emanzipation des künstlerischen Selbst, das die eigene Fantasie walten lässt und sich aus den Fesseln der Realität befreit. Die Schau und auch der hervorragende Katalog machen auf beeindruckende Weise klar, wem das eigentlich zu verdanken ist.

Wie weit der Einfluss der Japaner reicht, zeigt noch eine weitere Ausstellung, diesmal im Pariser Musée de l’Orangerie – der Heimstatt von Monets langgezogenen, wandfüllenden Seerosen, die der Künstler eigens für diesen Ort geschaffen hat. „Nymphéas“ erzählt die Geschichte des Abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei anhand des späten Monets. Bei ihrer Einweihung 1927 noch als „trostlose Langeweile“ verschrien, pilgerten nach dem Krieg Künstler wie Mark Rothko, Jackson Pollock, Helen Frankenthaler und Barnett Newman aus New York zu den Seerosen, der „Sixtinischen Kapelle des Impressionismus“, wie der Maler André Masson diesen Ort nannte. Die großen Formate der Amerikaner, der gefühlsgeladene Gestus, die Flächigkeit, der tänzerische Farbauftrag und die Extension der rahmenlosen Leinwand in den Raum, was schließlich zu neuen Kunstformen wie Fluxus und Minimal Art führte: All das hat seinen Ursprung in Monet. Darauf setzte schon das New Yorker Museum of Modern Art, als es 1955 eine Seerosenleinwand ankaufte – bereits 1948 hatte der Kritikerpapst Clement Greenberg Monets Werkserie als Vorbild für eine ganze Künstlergeneration ernannt, die optische Effekte und spirituelle Zustände der erzählerischen Abbildung von Wirklichkeit vorzog. „Monets spätere Praxis bedrohte die Konvention des Tafelbildes. Und jetzt, zwanzig Jahre nach Monets Tod, wird dies zum Ausgangspunkt einer neuen Richtung in der Malerei.“ Greenberg, so weiß man heute, arbeitete für den CIA – seine Rolle war es, die abstrakte Kunst als Freiheitsbotschaft in die Welt hinauszutragen. Dass ihre Keimzelle in Japan liegt, hat er nicht erwähnt.

 

Im Japanfieber. Von Monet bis Manga. Arp Museum Bahnhof Rolandseck Remagen, 26. August 2018 – 20. Januar 2019

 Nymphéas. L’abstraction américaine et le dernier Monet, Musée de l’Orangerie Paris, bis 20. August