Teilen

Immer im Flow - Die Galeristin Isabella Bortolozzi

Es gibt Menschen, die so dermaßen eins sind mit dem, was sie im Leben tun, dass sie wirken, als befänden sie sich in einem stetigen Flow. Isabella Bortolozzi ist so ein Mensch. Wenn die Berliner Galeristin spricht, dann ist es, als würde sich eine Woge von Emotionen und Enthusiasmus im Raum ausbreiten, durch die sie von einem Thema zum nächsten taucht, nur um am Ende immer wieder dort zu landen, wo sie hingehört: bei der Kunst. Oder vielmehr: bei ihren Künstlern, mit denen einerseits beinahe körperlich verwachsen scheint, andererseits steht sie vor ihnen wie eine Löwin.

 

Bortolozzi ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Galerienszene. Ihr Programm umfasst einige der wichtigsten und ungewöhnlichsten Künstler unserer Zeit, darunter der digitale Videokünstler Ed Atkins, die Trans-Performance-Filmkünstlerin Wu Tsang und die Surrealistin Carol Rama – die beiden letzteren werden ab April in der Hauptausstellung der Biennale von Venedig The Milk of Dreams präsentiert. Bortolozzi hat ein Händchen für Künstler, bevor andere sie sehen oder wiederentdecken. So verschieden sie sind, so haben sie doch alle etwas Randständiges, Performatives und Körperbetontes. Gerade ist in ihrer Galerie eine Ausstellung von Vaginal Davis zu Ende gegangen: einer Allround-Künstlerin und Drag-Queen, die Performance, Film, Musik, Installation, Fotografie und Poesie in einem überbordenden Gesamtkunstwerk verbindet, das fast alles vorwegnimmt, was die junge Generation heute umtreibt. Dass Davis aus Los Angeles vor Jahren nach Berlin gezogen ist, erfährt die hiesige Kunstwelt erst jetzt, dank Bortolozzi, bei der New Yorker Großmuseen deshalb schon seit Monaten an die Tür klopfen. Ähnlich war es mit der Turiner Malerin Carol Rama, die 2015 im Alter von 97 Jahren starb: Bortolozzi holte ihr düsteres, erotisch durchtränktes Werk noch zu Lebzeiten aus der Versenkung und verhalf der Autodidaktin zu spätem Ruhm. Zugleich einen jungen Künstler wie Ed Atkins zu vertreten, dessen Videos ebenfalls von seltsamer Morbidität sind, zeigt, wie mühelos Bortolozzi die Brücke zwischen den Generationen und Genres schlägt und dabei eine erstaunliche Konsistenz schafft, die so in kaum einer anderen Galerie zu finden ist und die dennoch das Gegenteil einer klassischen Programmgalerie darstellt, in der alle Künstler am selben ästhetischen Strang ziehen.

 

„Mich interessiert der politisch verwundete Körper, nicht die bourgeoise Ornamentik, die häufig als Kunst durchgeht“, sagt Bortolozzi. „Ich suche nach Werken, die nicht unmittelbar konsumiert werden wollen, die dem Blick gewissermaßen ausweichen.“ In ihrer Galerie am Schöneberger Ufer wohnte früher der Schauspieler Hans Albers – die eingebauten Regalwände und Sitznischen aus dunklem Holz verleihen den Räumen etwas Organisches. Seit ein paar Jahren gibt es noch einen zweiten, roh belassenen Raum namens Eden Eden: eine ehemalige Apotheke an der Bülowstraße, direkt am Straßenstrich, dem früheren Einzugsgebiet von Christiane F. Bortolozzi hat ihn eröffnet, „damit sie sich nicht langweilt“, was sie in Berlin nämlich ab und zu tut. Seit 2004 ist sie hier – und trotzdem hat man das Gefühl, dass sie nie wirklich angekommen, geschweige denn durchschaubar geworden ist. Vielleicht liegt es daran, dass sie keine klassische Galeristenkarriere hingelegt hat: Sie war weder Partnerin noch langjährige Mitarbeiterin einer anderen Galerie, und Kunst hat sie auch nicht studiert.

 

„Ich bin im Friuli in Norditalien aufgewachsen, in der Nähe von Casarsa della Delizia, wo auch Pierpaolo Pasolini lebte. Er beschrieb die Gegend als mysteriöses Land zwischen Alpen und Meer. Tatsächlich ist das Friuli rätselhaft und poetisch, was sich auch im Dialekt spiegelt“, sagt Bortolozzi, die gerne wild zwischen Englisch, Deutsch und Italienisch hin- und herwechselt und deren Wortschatz von Dantes Inferno bis zum Bauarbeiter-Sprech reicht.

 

Tatsächlich hat sie Literatur übersetzt, bevor sie sich entschied, in die Kunst zu gehen – ein Thema, was sie seit der Kindheit begleitet, aber erst durch den Tod ihres Vaters wichtig wurde. Die Familie führte ein Hotel, oder vielmehr, ihre Mutter tat es, denn ihr Vater, Jahrgang 1914, war bald zu alt für die Arbeit. Aber er sammelte Altmeistergemälde, Kirchenglocken und seltene Bücher. „Meine erste Begegnung mit Kunst hatte ich wohl, als ich ein Hotelzimmer betrat, in dem mein Vater ein erotisches Bild aufbewahrte, von dem es hieß, es sei ein Delacroix. Wir Kinder durften das Zimmer nicht betreten, bevor wir volljährig waren, aber natürlich habe ich mich schon vorher reingeschlichen. Damit fing wohl alles an.“ Als ihr Vater starb, war die Tochter in ihren frühen Zwanzigern. Sie machte sich daran, seine Sammlung zu dokumentieren und zu archivieren. „Auf seinen Pfaden in die Vergangenheit zu reisen, samt all der Geschichten, die mit den Stücken verbunden waren, hat mich stark beeinflusst.“ Bortolozzi machte erste, eher ernüchternde Schritte als Galerieassistentin in Turin, um dann – mit einer Geste, die so etwas wie den Grundton ihrer Arbeit setzte – ihre eigene Galerie in Berlin zu eröffnen: in einem 27-Quadratmeter-Glaspavillon zwischen Plattenbauten, unweit vom Alexanderplatz. Ihr Debüt feierte sie mit dem slowakischen Künstler und selbsternannten Ufonauten Julius Koller, der ein Fragezeichen auf den Galerieboden malte. Schnell wurde der Ort zum Anziehungspunkt für junge Künstler, die bald sehr bekannt wurden. Bortolozzi zeigte vor allen anderen Danh Vo und als erste Galerie in Europa Seth Price, der noch vor Eröffnung die Hardcore-Metal-Band Spasm zum Konzert bat – prompt kam der große, jüngst verstorbene Dan Graham von seiner Galerieausstellung nebenan herüberspaziert, um mit den Jüngeren abzuhängen.

 

Wie es ihr gelungen ist, einen Weltruf aufzubauen, ohne sich das für die Nullerjahre so typische Berlin-Label anzuheften und irgendwann darüber zu verblassen? Jenseits von Trends eine Beständigkeit zu generieren, die für keine Ära steht, sondern für künstlerische Qualität, die von Verletzlichkeit erzählt, von traumartiger, dunkler Poesie? „Als Galeristin muss man offen für das Unbekannte bleiben und darf sich nicht im Self-Branding verzetteln“, sagt Bortolozzi. Genau mit dieser Unvorhersehbarkeit, mit der sie im letzten Jahr den 87jährigen Neapolitaner Giuseppe Desiato aus dem Hut zauberte, dessen Aktionsfotografien aussehen wie eine Mischung aus katholischem Devotionalienhandel und Dario Argentos Horrorfilm Suspiria, ist Bortolozzi zu einer der relevantesten Galerien überhaupt avanciert.

 

Und dennoch: In Berlin hat sie immer noch eine Sonderrolle, sie selbst fühlt sich geradezu „fremd“. Lange hatte sie keinen deutschen Künstler im Programm. Der Hauptteil ihrer Klientel stammt aus den USA oder Frankreich. Ist Berlin überhaupt noch der richtige Ort? Bortolozzi wiegt den Kopf. „Die Stadt versucht dauernd, sich für sich selbst zu rechtfertigen, ist ständig auf der Suche nach der eigenen Identität. Sie möchte unbedingt relevant sein aber kommt oft provinziell daher – und nichts ist ja provinzieller, als wenn man relevant sein will.“ Bedenkt man den aktuellen Run auf NFTs, die in manchen Berliner Galerien gefeiert werden wie die Ankunft eines Techno-Gotts, der die Stadt endlich wieder auf die Party-Landkarte holt, die aber tatsächlich nur teurer Digitalkitsch sind, sieht man einmal mehr, wie Berlin sich am schnellen Geld festklammert – über die sogenannte „Berliner Kunsthalle“ eines Privatinvestors am Flughafen Tempelhof müssen wir gar nicht erst reden. Fakt ist: Isabella Bortolozzi ist so unabhängig, eigenwillig und authentisch, wie man es als Galeristin nur sein kann. Sie kann ebenso fluchen und mit Blicken töten, wie sie Menschen in ihr Herz schließt. Die Coolness der Berliner Kunstszene, die über die Jahre an Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit verloren hat und auf der auch kaum jemand mehr beharrt, war nie ihr Ding. Vielleicht ist es das, was die Deutschen an dieser Frau nicht verstehen: Wie man in Personalunion hart aber herzlich, laut aber leise, schräg aber stilvoll sein kann, ohne den typischen Kunstwelt-Look zu bedienen. In keine Schublade zu passen ist hierzulande ja immer ein bisschen suspekt.