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Istanbul im Dauernotstand

Ungefähr zehn, fünf- zehn Jahre ist es her, da war Istanbul das neue Berlin. Künstler und Start- up-Gründer wollten plötzlich an den Bosporus. In der türkischen Millionen- stadt eröffnete eine Galerie nach der anderen, Mäzene investierten in Privatmuseen, Kulturstiftungen und nahmen so viel Geld für Sponsoring in die Hand wie alle deutschen Sammler zu- sammen.

 

Unter den Künstlern Istanbuls herrschte Aufbruchstimmung, Kuratoren, Kunstkäufer und Kritiker aus aller Welt kamen alle zwei Jahre zur gefei- erten Istanbul Biennale und wurden mit Champagner über den Bosporus geschippert. Sie fanden sich ein auf Kunstmessen und Vernissagen, neugierig auf die kultursüchtige Stadt, die ihre außergewöhnliche Kraft auch aus dem Spannungsverhältnis von Recep Tayyip Erdogans AKP, Atatürks Tradi- tionen und einer neuen Generation wohlhabender Unternehmerfamilien zog, die global dachten und immer mehr an Einfluss gewannen.

 

Die Namen Koç, Sabanci und Eczacibaşi standen für eine neue Förderkultur, die, wenn auch nicht immer geschmackssicher, doch zumindest eine ganze Bandbreite der zeitgenössischen Kunst des Landes spiegelte und die sich auch zum Westen hin orientierte. Galerien wie Rodeo, Mana und Rampa wurden zu glamourösen Hotspots einer Szene, in der sich Europa und Asien die Hände reichten.

 

Doch schon zu Beginn der 2010er- Jahre wandelte sich diese neue Dyna- mik immer häufiger in eine deutlich spürbare Anspannung, die mit Erdogans Machthunger zu tun hatte. Im Jahr 2010 baute der türkische Präsi- dent mithilfe eines ersten Verfas- sungsreferendums die Justiz zu seinen Gunsten um. Was darauf folgte, waren 2013 die Gezi-Proteste, die sich vom Taksim-Platz aufs ganze Land ausbrei- teten und schließlich in den Putsch- versuch 2016 mündeten, der zur Folge hatte, dass das Regime sich weiter ver- härtete. Das zweite Verfassungsrefe- rendum 2017 besiegelte die diktatori- sche Rolle Erdogans. Und Istanbul ver- schwand von der internationalen Kunstlandkarte.

 

Heute sind Rodeo, Mana und Rampa geschlossen, ebenso wie viele andere kommerzielle Galerien. Und obwohl einige Privatmuseen aufrüsten – der Stararchitekt Renzo Piano baut gerade das neue Istanbul Modern, das Kultur- zentrum Arter residiert in einem schicken Neubau, und auch das Kunst- museum SALT von der Garanti-Bank gibt es noch, wenn auch, wie alle ande- ren, mit weit weniger Ausstellungen im Jahr. Doch wirtschaftlich geht es der Türkei heute wesentlich schlechter aSls vor neun Jahren, und das politische Klima ist keines, in dem sich der neo- linksliberale Kunstbetrieb wohlfühlt. Keine Frage: Der Hype ist vorbei.

 

Stiller geworden ist es auch um die vielen Kulturschaffenden, die Mäzene und Unternehmer, die Erdogan nach dem Putschversuch festnehmen ließ. Einer der Prominen- testen von ihnen und Schlüsselfigur der Istanbuler Kunstszene ist Osman Kavala. Geboren in eine der ältesten und angesehensten Familien des Landes, gründete er im Jahr 2002 Anadolu Kültür, eine der wichtigsten, international renommiertesten und am be- sten vernetzten Non-Profit-Organisationen für Kultur und soziale Projekte der Türkei. Kooperationen mit dem deutschen Goethe-Institut, der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Stiftung Mercator waren selbstverständlich, um den internationalen Austausch zu pflegen und liberale Werte wie Gleichberechti- gung und ethnische Vielfalt in der Tür- kei zu kultivieren.

 

Eine ehemalige Fabrikhalle der Familie Kavala wurde zu DEPO, einem Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst, wo brisante Arbeiten, die etwa den Genozid an den Armeniern oder die Unterdrückung der Kurden thema- tisierten, explizit erwünscht waren. Mehr noch als Unternehmer und Phil- anthrop ist Osman Kavala also jemand, der Kultur als politisches Medium ver- steht. Außerdem war er Mitbegründer der Open Society Foundations des US- amerikanischen Philanthropen George Soros, der sich für Pressefreiheit und Menschenrechte einsetzt. Kavala verkehrte in höchsten politischen Kreisen und tummelte sich unter Künstlern, war Mediator zwischen Linksintellek- tuellen und konservativem Bürgertum, Ost und West, alter und neuer Welt – und er sitzt seit fast dreieinhalb Jahren im Gefängnis.

 

Festgenommen wurde er im Okto- ber 2017 am Flughafen in Istanbul. Der Vorwurf: Er habe angeblich die Gezi- Proteste organisiert und finanziert, sei am Putschversuch beteiligt gewesen und besitze außerdem wichtige Infor- mationen, die ihn der Spionage ver- dächtig machten. Festgehalten wird er mit einer kurzen Unterbrechung im Hochsicherheitsgefängnis Silivri au- ßerhalb Istanbuls. Ein Skandal, an dem auch der Widerspruch des Europäischen Gerichts- hofs für Menschenrechte nichts än- dert. Die Willkür, mit der Erdogan ein Exempel statuiert, ist offensichtlich. Sie ist eine Botschaft auch an das alte türkische Großbürgertum, das Erdo- gan nach anfänglichem Wohlwollen den Rücken gekehrt hat, ebenso wie an alle anderen, die mit Gezi gegen den Präsidenten protestierten.

 

"Osmans Inhaftierung ist eine symbolische Strafe, die zeigt, wie willkürlich die Regierung Macht auf ihre Gegner ausübt“, sagt die Künstlerin Hale Tenger, geboren 1960, im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Sie kennt Kavala gut, hat Ausstellungen mit ihm gemacht und ist mit seiner Frau Ayse Bugra befreun- det. Dass Erdogan aus dem Ausland nicht mehr Gegenwind bekommt, be- fremdet sie. Besonders in den letzten Jahren hö- re man nicht mehr viel aus Europa. Für sie eine Folge des Flüchtlingsabkom- mens der EU mit der Türkei. „Wir le- ben in einem Unrechtsstaat. So viele Menschen sitzen unschuldig in Haft. Wir fühlen uns alle in Gefahr. Und die Welt schaut zu!“ Tenger hat bereits die Gängelungen des Militärregimes in den 1980er-Jahren miterlebt, als Bilder aus Ausstellungen entfernt und Künst- ler inhaftiert wurden.

 

„Politischer Druck war immer da. Aber jetzt ist es extrem. Es ist absolut unvorhersehbar, ob, wann und warum es einen trifft. Man wacht morgens auf und denkt an nichts anderes. Es ist unerträglich.“ So sei es neulich passiert, dass jemand für einen Re-Tweet fest- genommen wurde. Und die Praxis ih- res Arztes in Izmir sei geschlossen worden, eines renommierten Mediziners, der für seine liberale Haltung bekannt sei. Die Behörden seien immer wieder gekommen, jedes Mal mit einer absurden Begründung, fanden jedoch nichts, was sie ihm hätten vorwerfen können. Schließlich sagten sie, er hätte die Sozialversicherung seiner neuen Sekretärin nicht für den Tag ihres Ar- beitsantritts abschließen sollen, son- dern für den Tag davor. Die absurde Summe des Bußgelds habe exakt Atatürks Geburtsjahr „1881“ entsprochen. Diese Art der Schikane gehört in der Türkei heute zum zermürbenden All- tag der Menschen. „Wenn man einen Arzt auf diese Art und Weise zwingen kann, seine Praxis zu schließen, ist klar, was Anadolu Kül- tür bevorsteht“, sagt Tenger. Kavala aber lasse sich nicht mundtot machen. Er sei von seiner Zelle aus aktiv, der Podcast „Adalet Atlası“ (Atlas der Ge- rechtigkeit), den Anadolu Kültür her- ausbringt, habe er angestoßen. „Das gibt mir Hoffnung. Man kann Gebäude nAiederreißen und Einrichtungen schließen. Aber Denken und Sprechen kann man nicht verhindern“, sagt die Künstlerin.

 

Ali Kazma, Jahrgang 1971, sieht die Situation etwas entspannter. „Es ist ein endloser Einschüchterungsprozess“, sagt Kazma. Seine Generation sei von Gezi geprägt, die älteren Künstler aber hätten schon den Militärputsch von 1980 durchge- macht. Sie seien oft pessimistischer. Er aber vermeide einen Tunnelblick. „Das größte Problem in der Kultursze- ne ist heute ein ökonomisches. Die Zeit des großen Geldes ist vorbei.“ Kunst und Diskurse seien zwar quali- tativ gut, aber überschaubar und ohne  Dynamik, sagt der Videokünstler im Gespräch. Man zeige seine Arbeiten nun eben unter Freunden. Gerade hat Kazma, der bereits den Türkischen Pavillon auf der Kunst- biennale von Venedig 2013 bespielte und inzwischen teilweise in Paris lebt, eine Ausstellung bei Kiraathane eröffnet, einem selbst ernannten „free word center“, das auch Schriftstellern und Dichtern eine Plattform bietet. „Kavala ist ein großherziger, beschei- dener und sehr mutiger Mann, der viele meiner Künstlerfreunde gefördert hat und der sich stark für Minderhei- ten, besonders für die Kurden einge- setzt hat“, sagt Kazma. „Aber er ist sicher nicht wegen seines kulturellen Engagements im Gefängnis, auch wenn viele das so sehen. Die Dinge liegen komplizierter.“

 

Tatsächlich wirkt Osman Kavalas Haft wie ein Signal an die anderen wohlhabenden und international ver- netzten Familien, die sich von Erdogan abgewandt haben: Seht her, wenn es ihm passieren kann, kann es auch euch treffen. Trotzdem ist Kavalas Familie nicht wirklich vergleichbar mit beispielsweise den Koçs, die von den Plünderungen armenischen Eigentums profitiert haben und sich erst in den jüngsten Boomjahren Istanbuls zu wichtigen Unterstützern einer freien Kulturszene entwickelt haben.

 

Während der Gezi-Proteste öffnete eines ihrer Hotels am Taksim-Platz die Türen als Zuflucht für Demonstran- ten, die vor den Polizeiattacken flohen – prompt hatten die Koçs die Steuer- fahndung im Haus. Die wenigsten ka- men nur mit einer Verwarnung davon: Der linke Politiker Selahattin Demir- taş wurde nach dem Putschversuch 2016 festgenommen, kurz nach dem Journalisten Ahmet Altan, der im sel- ben Gefängnis sitzt wie Kavala und dort eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt. Die kurdische Journalistin und Künstlerin Zehra Doğan, deren Berichterstattung und künstlerische Arbeit sich auf das Leiden der Kurden bezieht, kam dagegen wieder frei. Es ist immer dasselbe erratische Rein-Raus-Muster dieses populistischen Regimes: Die Ge- zi-Proteste, der Putschversuch, der Konflikt mit der Gülen-Organisation und der Kurdenkonflikt bilden den Boden, auf dem Erdogans Bestrafungswut wuchert. In einer solchen Atmosphäre der Bedrohung wird selbst die wider- standsfähigste Kunstszene mürbe.