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Der Exodus geht weiter

Eigentlich, so dachte man vor zwei Wochen, kann es für Berlin gar nicht schlimmer kommen: Die Stadt verliert ihre wichtigste Sammlung für zeitgenössische Kunst, eine der besten weltweit, die Sammlung von Friedrich Christian Flick. Für seine Leihgabe hatte er vor 17 Jahren eigens die Rieckhallen als Anbau des Hamburger Bahnhofs für 8,25 Millionen Euro saniert – das Renommee des Museums für Gegenwartskunst basierte zu einem guten Teil auf seinen Werken von Bruce Nauman, Paul McCarthy, Martin Kippenberger.

 

Doch die Stadt privatisierte das Grundstück, auf dem eigentlich ein großer Kunstcampus geplant war; es ging samt Museumsgebäude an die österreichische Immobilienfirma CA Immo. Entstanden ist rundherum die Europacity, die Rieckhallen werden abgerissen, die Sammlung geht zurück in die Schweiz. Zurück bleibt das Gebäude des Hamburger Bahnhofs – nun eine traurige Hülle.

 

Jetzt aber kommt es noch schlimmer. Schaut man auf die Kunststadt Berlin und addiert schlechte Nachricht um schlechte Nachricht, fällt alles in sich zusammen. Die Julia Stoschek Collection (JSC) – Berlins wichtigster Ort für Videokunst, die weltweit beste und mit 860 Werken größte Privatsammlung für „zeitbasierte Medien“ und Anlaufstelle für alle, die wissen wollen, wie die Zukunft der Kunst aussieht – verlässt die Hauptstadt.

 

Und wieder, wie schon bei Flick, ist dabei besonders erschütternd: Die Entscheidung von Julia Stoschek ist absolut nachvollziehbar. Man kann ihr nichts entgegensetzen. Die Ignoranz der Berliner Politik, die mit Provinzmuff, dilettantischer Misswirtschaft und neidgetränkter Verhinderungstaktik international gefeierte Kuratoren und Sammler vertrieben hat, macht nun auch vor der 44-jährigen Düsseldorferin nicht halt.

 

Warum die Kunstsammlerin Julia Stoschek Berlin verlässt

 

Dabei hat sie für einen der vielen trostlosen Standorte Berlins mehr getan, als es der Senat selbst je könnte. Sie verwandelte die Räume des ehemaligen Tschechischen Kulturzentrums an der sechsspurigen Leipziger Straße in ein luftiges Ausstellungshaus, dessen Eröffnungen so voll sind wie ein Lady-Gaga-Konzert. „Gekommen, um zu bleiben“, lautete das Motto zur Eröffnung des Hauses im Jahr 2016. Jetzt sagt Julia Stoschek im Gespräch mit WELT AM SONNTAG: „Nicht für immer.“ Stoschek ist sauer.

 

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verlangt eine saftige Mieterhöhung, da ihr Gebäude von außen saniert wird. Dass die Sammlerin in den Umbau und Betrieb des maroden Plattenbaus Millionen gesteckt und der Stadt sogar ein Kaufangebot gemacht hat, interessiert die Behörde nicht. Dass die Leipziger Straße und die gesamte Gegend rund um den Gendarmenmarkt inklusive Friedrichstraße ansonsten leer und tot ist: egal.

 

Hier eine gemeinnützige Stiftung zu haben, dafür würden andere Stadtregierungen den roten Teppich ausrollen. Nicht so der Berliner Senat. Sie habe mit allen Verantwortlichen gesprochen, sagt Julia Stoschek, vergebens. Das sei dieselbe Arroganz, mit der man auch Flick damals begegnete.

 

Auf Anfrage habe man ihr nicht einmal einen Ausweichort angeboten. „Unser Mietvertrag endet im Dezember 2022. Wir brauchen keine zwei Wochen, um die Leipziger Straße zu räumen“, sagt sie. Andere Städte seien schließlich auch interessant, oder vielmehr: längst sehr viel spannender. Und damit meint sie nicht den Hauptsitz ihrer Sammlung Düsseldorf.

 

In Los Angeles etwa, wo der deutsche Kurator Klaus Biesenbach seit einem Jahr das Museum of Contemporary Art leitet, ist auch sie ein gern gesehener Gast. Was läge näher als eine Topsammlung zur Videokunst? Es klingt, als fühlte sich Stoschek schon längst dort wohler als an der Spree.

 

In Berlin lässt sie sich nun Zeit bis zum Herbst mit der Wiedereröffnung. In der Zwischenzeit stellt sie sämtliche Filme und Werke ihrer Sammlung online, von Marina Abramovic bis Christoph Schlingensief, in höchster Qualität, für jeden frei verfügbar, für immer. „Das war seit Jahren mein lang gehegter Wunsch, den wir jetzt endlich umsetzen. Mit der Sammlung werden wir auch in den nächsten zwei Jahren unsere Räume bespielen.“ Und so wird sie mit einem Paukenschlag von dannen ziehen. Statt Experimenten demonstriert Stoschek noch einmal im ganz großen Stil, was Berlin sich durch die Finger gehen lässt. Schon wieder.

 

Auch der Sammler Thomas Olbricht hat genug von Berlin

 

Während Berlin von der Schließung der Stoschek Collection erst heute erfahren wird, wurde am Donnerstag öffentlich, dass der Essener Sammler Thomas Olbricht seinen „ME Collector’s Room“ in der Auguststraße ebenfalls aufgeben wird. Von den Feuilletons gern geschmäht, war das Haus zehn Jahre lang ein Touristenmagnet. Olbricht geht zurück ins Ruhrgebiet. Und in seinen Neubau zieht das „Samurai Museum Berlin“ des Unternehmers Peter Janssen.

 

Ziemlich verloren bleiben nun die direkten Nachbarn, die Kunst-Werke, in der ehemaligen großen Kunststadt zurück. Ausgerechnet zum 25. Jubiläum sind sie wieder, wie in ihrem Gründungsjahr, der einzige öffentliche Hort für zeitgenössische Kunst. Und wie damals liegt die Verantwortung für die Künstler nun allein bei den Galerien – die es in der Hauptstadt noch nie leicht hatten. Berlin verabschiedet sich in die Provinzialität.

 

Seit gut zwei Jahren geht es schon Schlag auf Schlag: Die herausragende Sammlung von Erika Hoffmann und das unbezahlbare Kunstarchiv zum 20. Jahrhundert von Egidio Marzona gehen nach Dresden statt an die Staatlichen Museen zu Berlin. Den Sammlern Barbara und Axel Haubrok wurde unter Androhung von 500.000 Euro Strafe verboten, in der ehemaligen Fahrbereitschaft des Zentralkomitees der SED in Berlin-Lichtenberg Ausstellungen zu organisieren: Das produzierende Gewerbe müsse vor der Kultur geschützt werden.

 

Kultur, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wird vom Berliner Senat als Bedrohung wahrgenommen. Es ist ein ähnlich gnadenloser Habitus, mit dem auch der damals neue Intendant der Volksbühne, Chris Dercon, aus der Stadt gejagt wurde. Unabhängig davon, ob die Besetzung mit dem Kulturmanager richtig war – die Art und Weise, wie er behandelt wurde, sorgt besonders im Ausland immer noch für Gesprächsstoff und Kopfschütteln.

 

Berlin: Eine Kunststadt am Ende?

 

Zuletzt warf Udo Kittelmann, der einst umtriebige Direktor der Nationalgalerie, das Handtuch. Erschöpft von dem politisch-bürokratischen Windmühlenwahnsinn, gegen den er, der einfach nur Ausstellungen machen wollte (und dabei Hoffmann und Marzona verprellte), ankämpfte, kündigte er im Herbst 2019. In wenigen Monaten ist er fort, seine Nachfolge ist offen. Es wird nicht leicht werden, jemanden für diesen Job zu finden.

 

Wer will jetzt noch investieren in einer Stadt, die mit Privatbesitz ein so großes Problem hat? Und damit sind nicht Aktivisten gemeint, die gegen den Google-Campus demonstrierten, sondern die gewählte Politik, der Senat, der alle vertreibt, die kosmopolitisch denken und ihr eigenes Geld investieren, um Kunsträume entstehen zu lassen.

 

Es ist ein Senat, dessen Vorgängerregierung sensible Immobilien an Investoren wie Nicolas Berggruen verhökert hat, dem das berühmte „Café Moskau“ und die Künstlerbar "Babette" zum Opfer fielen, und sie an die Samwer-Brüder verkaufte, die den Ateliers in den Weddinger Uferhallen das Leben schwer machen. Doch statt Verantwortung zu übernehmen, vertreibt die Politik jetzt panisch Menschen, für die Kunst ein Standortfaktor ist, die neue Orte und Debatten schaffen und geistige Freiräume errichten wollen.

 

Die Julia Stoschek Collection war so ein Freiraum – genau wie jede der anderen Sammlungen auch. Die einst freieste Kunststadt der Welt zieht wieder Mauern hoch. Vorbei die Zeit, als jener Klaus Biesenbach, der heute in Los Angeles lebt, bei Politikern Gelder für eine mittlerweile unsichtbar gewordene Berlin Biennale akquirierte.

 

Vorbei, dass die Kunstwelt anreiste, um sich Ausstellungen neuer Berlin-Kunst in verrückten Architekturen anzusehen. Vorbei die Partys und Vernissagen, bei denen Berlin sich selbst feierte und alle, die mitmachen wollten. Das alles musste irgendwann enden, okay. Doch Berlin hat es nicht geschafft, die Dynamik der ersten Jahre in eine nachhaltige Kunstlandschaft zu überführen.

 

Eins ist klar: Der nächste, der in der deutschen Hauptstadt mit privaten Geldern etwas auf die Beine stellen will, braucht Chuzpe – und ein international besetztes Board, das sich unabhängig macht von der Politik. Das der Welt zeigt, dass Berlin, diese ruppige und zerfaserte Stadt, Künstlern ein ziemlich gutes Leben bieten kann. Ein Leben, das – und eben das macht alles so unendlich traurig – so viel bunter ist als damals in den kaputten Neunzigern, als alles begann. Doch dass nach diesem Kahlschlag wieder etwas Neues entstehen kann, ist gerade kaum vorstellbar.