Teilen

Nina Canell and Robin Watkins

Energy Budget

8. Februar - 23. März 2019

CAPRI, Düsseldorf

 

Nichts steht still. In der Welt der Nina Canell sind Skulpturen keine fertigen Ergebnisse, sondern Objekte im Übergang – dynamische Wesen, deren Energieströme ständig schwanken. Luft, Wasserdampf, fließende Stoffe, die sich je nach Raumtemperatur verändern, aufgeschnittene Kabel oder zusammengeknautschte Kabelhüllen: Canell baut beseelt anmutende Versuchsanordnungen, die zu keinem klaren Ergebnis führen. Vielmehr vermitteln sie das Gefühl, dass jenseits unserer unmittelbaren Wahrnehmung Kräfte walten, die wir nicht ganz verstehen – trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse. Alles fließt, und so auch die Energie in den Dingen.

 

Für den Film „Energy Budget“ (2018) hat Canell zum wiederholten Mal mit Robin Watkins zusammengearbeitet. Der Film wird nach Anbrechen der Dunkelheit bis zum Morgengrauen im Schaufenster von CAPRI gezeigt, ist also von der Straße aus sichtbar. Im ersten Teil des Films ist ein Tigerschnegel in Nahaufnahme zu sehen, der sich langsam über eine elektrische Schaltfläche windet. Der archaische, stolze Körper des Zwitterwesens und die Anlage gehen eine seltsame Verbindung ein. Es ist, als erobere sich das Tier die Initialzündung der modernen Zivilisation – elektrische Energie – auf zärtliche und gleichzeitig bestimmte Weise zurück. Der zweite Teil des Films zeigt Telegraph Bay, ein Hochhausviertel in Hong Kong zwischen Gebirge und Meer, wo Anfang des 20. Jahrhunderts das erste asiatische Tiefseekabel verlegt wurde. Inmitten der Häuser sind große, rechteckige Ausschnitte frei gelassen, so dass der Blick wie durch einen Rahmen hindurch geht: Die sogenannten „dragon holes“ entsprechen der Feng Shui-Philosophie, nach der in Hong Kong bis heute gebaut wird. Dahinter steckt der Glaube, dass Drachen in den Bergen sitzen und dort die gute Energie verkörpern, sie aber ungehindert zum Wasser vordringen können müssen, um dort zu trinken und zu baden. Wird ihr Weg behindert, führt dies zu Unglück.

 

Das Video zoomt sich langsam in jede Aufnahme der Architekturen hinein – es gibt nur am Rande Spuren von Leben in der Nachbarschaft. Durch diesen intensiven Blick verstärkt, verströmen die „dragon holes“ eine geisterhafte Energie, wie man sie nach Feng Shui den Räumen in Gebäuden und in der Stadt selbst zuschreibt. Die Verbindung von Tier und Menschenhand, Archaik und Moderne bestimmt dabei beide Teile des Films. Übersetzt in eine extrem langsame, abstrakte Ästhetik entsteht ein Empfinden für die Kräfte, die zwischen beiden Einheiten hin und herwandern und eine Symbiose bilden.

 

Nina Canell (geb. 1979 in Växjö, Schweden) lebt in Berlin. Letzte Einzelausstellungen fanden im Kunstmuseum St. Gallen, im Artist’s Institute New York und im Camden Arts Center in London statt. Zudem war sie auf den Biennalen in Venedig, Lyon und Liverpool vertreten sowie in Gruppenausstellungen im MoMA New York und im Palais de Tokyo, Paris. Canell hat bereits mehrfach mit dem irisch-britischen, in Berlin lebenden Künstler Robin Watkins (*1980) kollaboriert, unter anderem im Kasseler Fridericianum      und im Moderna Museet Stockholm.

 

Text: Gesine Borcherdt, Kuratorin von CAPRI

Courtesy by the artist; CAPRI; photo: Achim Kukulies