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"Wir müssen Widerstand leisten"

Eiskalt fährt der Wind durch den Stoff der Sturmhaube in die Nasenlöcher. Auch die Finger fangen an zu frieren, obwohl die Handschuhe aus Rentierfell so groß sind wie Sofakissen und wärmende Aktivkohlepads darin stecken. Mit Helm, Schutzbrille, Schneeanzug und Riesenstiefeln sehe ich aus wie eine hilflose Astronautin, die sich an den Hüften ihres Retters festkrallt – einem Rentierhirten, dem die Kälte nichts ausmacht. Seit fast zwei Stunden düsen wir auf dem Motorschlitten durch die Eiswüste der Arktis am oberen Rand Norwegens – eine endlose, sonnenglitzernde Schneelandschaft, so außerirdisch schön, dass einem trotz Fahrwind der Mund offensteht. „Das ist mein Hinterhof“, wird Jovsset Ante Sara später auf die Frage antworten, wie er sich in diesem Niemandsland zurechtfindet, auf der Suche nach seiner Rentierherde, die auf Futter wartet. Seit die unsteten Temperaturen den Schnee schmelzen und dann wieder über dem Moos gefrieren lassen, das früher frei zugänglich unter der Schneedecke lag, sind diese sanften, sensiblen Wesen auf Nahrung von Menschen angewiesen. Und nicht nur deshalb sind sie in Gefahr. Wölfe, Bären und Adler, die unter Naturschutz stehen, fressen sie und ihre Babys. Windräder bringen ihren Orientierungssinn durcheinander. Doch vor allem zwingt die norwegische Regierung die Hirten, ihre Herden so weit zu dezimieren, dass sich ihr Erhalt kaum noch lohnt – offiziell wegen Überweidung, wohl aber eher, um ihnen zu zeigen, wer der Herr in diesem Hinterhof ist, aus dem die Hirten am besten endgültig verschwinden. Sara zog deshalb in einem aufsehenerregenden Prozess vor Gericht, verteidigte seinen jahrtausendealten Beruf – und verlor. Das Machtspiel zwischen Staat und Samen, dem letzten indigenen Volk Europas, war entschieden. Und war doch nur weiterer Rückschlag gegen die Kultur dieser besonderen, mit der Natur spirituell verbundenen Menschen Fennoskandinaviens – einer Gegend nördlich des Polarkreises, die man früher Lappland nannte und die heute Sápmi heißt. Die Samen waren schon da, bevor ihr Land Norwegen, Schweden, Finnland und Russland hieß und sie die volle Wucht der territorialen Unterwerfung zu spüren bekamen. Wo früher eine friedliche Einheit herrschte zwischen Tieren, Wäldern, Menschen und Eis, drängten Kirche, Krone und Kapitalismus – so lange, bis die Samen beinahe verschwanden und sich für ihre Herkunft schämten. Heute sind es noch rund 65.000, von denen etwa 25.000 noch neun ihrer einst zahlreichen Sprachen sprechen und – inzwischen auch mit eigenen, wenn auch symbolischen Parlamenten – für den Erhalt ihres Lebensraumes und ihrer Traditionen kämpfen.

 

„Das System der Natur zu zerstören ist für uns Selbstmord“, sagt die Schwester des Hirten, Máret Ánne Sara, als wir in der Hütte der Familie Halt machen. „Für uns sind die Rentiere nahe Verwandte. Wir sind ihnen ebenbürtig.“ Sara ist Künstlerin – und wohl die erste ohne fließend Wasser, die auf der Biennale von Venedig ihr Land vertreten wird: Der Nordische Pavillon ist dieses Jahr in „Sámi Pavilion“ umgewidmet und wird zeigen, was Kolonisierung und Klimawandel für dieses Volk bedeuten. Saras Kunst ist eine Art morbider Minimalismus. Schon auf der Documenta 13 hängte sie einen Teppich aus zweihundert Rentierschädeln auf, die runde Löcher von Bolzenschüssen aufwiesen. Ursprünglich hatte sie die Schädel im Hof des Bezirksgerichts von Finnmark inszeniert, wo ihr Bruder für seine Rechte kämpfte. Heute gehört „Pile o Sápmi“ dem Nationalmuseum Oslo, während der Staat weiter auf der Tötung der Tiere besteht.

 

Wie lautlos es eigentlich zugeht, wenn die Samen ihre Gefährten in den Tod begleiten, wird klar, als wir zwei Stunden später in der Tundra stehen, umgeben von leichthufigen, eifrig futternden Rentieren, dazwischen kleine Sträucher, die es vor ein paar Jahren noch nicht gab, über uns ein pinkfarbener Himmel, der den Schnee bläulich schimmern lässt, und man denkt an Filme wie Dune und Interstellar. Als es wieder auf den Schlitten geht, bemerke ich, dass ein paar Rentiere fein säuberlich zum Bündel gezurrt auf Anhänger geladen wurden: Sie sind in Jovsset Ante Saras Armen gestorben, mit einem sanften Schnitt und dem Versprechen, dass alles an ihnen für den Hausgebrauch verwendet wird.

 

Man muss sich das einmal klar machen: Da ist, kaum drei Flugstunden von hier, ein Volk, das mit dem Eis so im Einklang lebt wie einst die Aborigines mit der Gluthitze Australiens oder die Navajos mit der roten Erde Nordamerikas. Die Samen sind hellhäutig – und bisher aus jeder internationalen Debatte zu herausgefallen, die sich mit Diskriminierung und Verdrängung indigener Völker befasst. Auch Raubkunst war bisher kein Thema. Dabei liegen allein in den Museumsdepots von Berlin, Leipzig, Hamburg und Kassel viele Kultgegenstände, die den Samen bis heute heilig sind: Vor allem die Trommeln aus Rentierhaut, mit Runen verziert und Messingringen im Innern. Sie dienten Schamanen für Rituale, um mit Toten zu kommunizieren und zwischen den Zeiten zu wandern. Im Zuge der brutalen Christianisierung des 17. Jahrhunderts wurden solche Objekte erstmals geraubt und die Schamanen ermordet. Auch das deutsche Kaiserreich zierte seine Sammlungen mit ihrem delikaten Kunsthandwerk und präsentierte die Samen in Menschenzoos.

 

„Es gibt kein ‚postkolonial‘“, sagt Pauliina Feodoroff, die ebenfalls im „Sámi Pavillon“ ausstellen wird. „Wir Samen sind kein kriegerisches Volk. Aber wir müssen Widerstand leisten gegen Repressionen, Raubbau und Rassismus, die uns bis heute entgegenschlagen.“ Die Aktivistin und Performance-Künstlerin stammt von der finnisch-russischen Grenze, wo noch etwa tausend Skolt-Samen leben. Sie hat ihre ureigene Sprache, die nur noch von rund dreihundert Menschen gesprochen wird, als Erwachsene gelernt, um sie für spätere Generationen zu bewahren. Feodoroff verströmt eine ungeheure Kraft, wenn sie über das Verschwinden spricht – über die Abholzung der Wälder, die Vergiftung der Erde durch Nickelminen und das Aussterben von Ritualen, Worten und Gesang. Mit ihr im Schlitten über die Weite des zugefrorenen Inari Sees zu gleiten (wo es übrigens überall Handyempfang gibt) weckt Hoffnung. Am Lagerfeuer hören wir ihre Freundin Anna Morottaja singen – der livđe, ein geisterhafter, synkopischer Gesang, will Menschen, Tiere und Pflanzen nicht besingen, sondern sie durch ganz eigene Melodien rekreieren. Morottaja lässt hier ihre Großtante wieder auferstehen – ihren Gesang zu hören, sagt Morottaja, war wie die Begegnung mit einer überaus lebendigen Erscheinung. Man spürt: Das spirituelle Verhältnis der Samen zu ihrem Land, ihre tiefe Verwurzelung in der Natur und ihr Bewusstsein, dies in die Zukunft tragen zu wollen, hat vielem standgehalten, was dieses Volk seit Jahrhunderten ertragen musste.

 

In dem Moment, wo Rentiersuppe gereicht wird, scheint Venedig auf einem anderen Stern. Doch Feodoroff wird dort eine Auktion veranstalten, mit der man den Schutz von Sápmi unterstützen kann. Kunst und Aktivismus sind für sie nicht trennbar, ja die Kunst vor allem ein Fenster, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Ob das künstlerisch gelingen kann, sei dahingestellt. Doch der Pavillon kommt im richtigen Moment, um die Debatten über die Ausbeutung der „First Nations“ zu ergänzen, die den Kunstbetrieb derzeit durchdringen. Dass auch in Russland Samen leben, spielt im „Sámi Pavillon“ leider keine Rolle. Doch ist er ein Symbol dafür, dass mitten in Europa ganze Völker zwischen nationalen und wirtschaftlichen Interessen zerrieben werden – was ihn auch angesichts des Kriegs in der Ukraine zu einer der wichtigsten politischen Stationen in den Giardini machen wird. Eins ist klar: Wenn das Eis schmilzt, wenn die Wälder sterben, verschwindet nicht nur die unbeschreibliche Schönheit einer Landschaft, die die meisten Europäer noch nie gesehen haben – sondern, sagt Feodoroff nüchtern, „die Folgen kommen durch die Hintertür auch zu euch.“ Wieder im Schlitten, zugedeckt mit Rentierfellen, geht es im Dunkel zurück über den See. Plötzlich, als hätten sie uns gehört, hangeln sich Nordlichter giftgrün am Sternenhimmel empor – wie Gespenster, die eine Botschaft senden wollen. Noch hält das Eis, flüstern sie. Aber es wird dünn.