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Ajay Kurian – Incubator

4. November 2016 - 8. Januar 2017

CAPRI, Düsseldorf

Was ist Amerika heute? Wie wächst man auf in einem Land, das seit 9/11 ständig neue Ängste und Neurosen schürt? Ajay Kurian blickt hinter die Kulissen einer brüchig gewordenen Utopie, die ihren Bewohnern immer mehr zu entgleiten scheint. Qualmende Modellstädte aus E-Zigaretten, neonbunte Plexiglas-Vitrinen mit Wunderkugeln, seltsame Comicfiguren, iPad-Halterungen, Moos, Magneten und andere kleinteilige Utensilien arrangiert er als psychedelisch leuchtende Dioramen und befremdliche Raumsituationen, die wirken wie eine Mischung aus Traumwelt, Versuchslabor und Science-Fiction-Set. Es sind Metaphern für eine Welt aus künstlichen Dingen, die wir täglich benutzen – und die doch eigentlich uns in der Hand haben. Sie stehen für Kindheit, Religion, Rassismus, Haus, Garten, Comics, Konsumkultur und Waffengewalt. Kurian umkreist die klassischen Parameter der amerikanischen, aber auch allgemein westlichen Gesellschaft – und bewegt sich dabei in der Tradition der surreal-dystopischen Bildwelten eines Mike Kelley oder Edward Kienholz. Doch als Sohn indischer Einwanderer, der in einer Vorstadt von Baltimore aufwuchs, schreibt er ihr eine eigene, spielerisch-komplexe Sprache ein – geprägt von neuen Technologien ebenso wie von kruder Selfmade-Ästhetik. Für seine Ausstellung bei CAPRI – seiner ersten Soloschau in Europa – hat Kurian blaue Neonlichter in der Form großer Augen aufgehängt: Das Logo „Neighborhood Watcheye“ symbolisiert eine Bürgerwehr, die in den letzten Jahren vor allem ungesühnte Morde an afroamerikanischen Jugendlichen hervorbrachte. Ursprünglich installiert im Keller eines abrissreifen Hauses in seiner Heimatstadt, evozieren die Augen eine Macht, die selbst die dunkelste Kammer – den Keller als Ort des Rückzugs und der Kindheitstraumata – unter Beobachtung stellt. Sie schweben über verchromten Straußeneiern und versilberten Süßkartoffeln, platziert auf einem Haufen Schmutz. „Incubator“ hat Kurian seine Ausstellung genannt: Es scheint, als würde hier ein fremdes, giftiges Wesen ausgebrütet. Eine alienartige Miniaturlandschaft zeigt auch das Erdplateau an der Wand, aus dem sich zwei Hände unter Basilikumsprossen herausformen: Was hier heranwächst, wissen wir nicht – und wir haben es nicht unter Kontrolle. Ajay Kurian, geboren 1984, lebt in New York. Einzelausstellungen zeigte er u.a. bei der Galerie 47Canal in New York, White Flag Projects in St. Louis und Artspeak in Vancouver. Er nahm u.a. an Gruppenausstellungen wie Greater New York im MoMA PS1 (2015) und nature after nature im Fridericianum Kassel (2014) teil.

Text: Gesine Borcherdt, Kuratorin von CAPRI