Teilen

„Zeichnen heisst, die Dinge zu verstehen“. Atelierbesuch bei Thomas Scheibitz

artnet – 19. Januar 2012

Ein Gatter, ein Plattenbau, und auf die Spree regnet es Bindfäden. Ein paar Krähen flattern in Richtung Reichstagsödland, auf der anderen Seite hat die „Ständige Vertretung“ ihre Türen geöffnet und schickt den Vorabendmief zum Bahnhof Friedrichstraße.

Arkadien ist anderswo. Thomas Scheibitz kommt über den Hof geschlurft und schließt das Tor auf. Wer ihn nicht kennt, könnte sich ein wenig fürchten vor dem zerfurchten Gesicht, das von einer langen Unfrisur und so etwas wie einer Bomberjacke eingerahmt wird. Dabei besitzt der Mann, der zu den bedeutendsten Malern seiner Generation zählt, einfach nur eine Eigenschaft, die nicht selbstverständlich ist im Kunstbetrieb: Ernsthaftigkeit. Der gebürtige Radeberger passt gut an diesen rauen, unfertigen Ort – auch, weil hier früher die Züge zwischen Ost und West pendelten, wie er selbst, als er die Dresdener Akademie besuchte. Bis er 1996 ganz nach Berlin zog und zu dem avancierte, was man gemeinhin einen Star nennt. Nur, dass Scheibitz mit solchen Kategorien nichts anfangen kann. Glamour interessiert ihn nicht. Scheibitz ist weder Dandy noch Designer, sondern einer, dem es um die Sache geht.

„Das Auswärtige Amt hat mir damals die Räume hier angeboten“, sagt Scheibitz und stößt die Tür zu einem turnhallenhohen Lager auf. Damals, das war 2005, als er mit einem Skulpturenensemble Deutschland auf der Biennale von Venedig vertrat – gemeinsam mit Tino Sehgal, dessen Choreografie aus tanzendem Wachpersonal hier vorher geprobt wurde. Das habe fast noch besser gewirkt als im Deutschen Pavillon, meint Scheibitz, während er sich an den knallfarbigen Halbabstraktionen vorbeischiebt, die sich meterhoch stapeln: Bauklotzartige Gebilde, die an Türme, Planeten oder Uhren erinnern; glatte, neonbunte Hohlkörper aus Aluminium, glasiertem Ton, Holz und Pappe – einer von ihnen, ein Rohling, steht seit Jahren als Maßstab da. „Andere Arbeiten hole ich erst nach vielen Jahren wieder hervor.“ Scheibitz verschwindet hinter einer Skulptur und stellt den Wasserkocher an. Vielleicht, weil er nie in Serien arbeitet, hat sich seine Bildsprache seit Ende der Neunziger kaum verändert. Doch was andere Maler nach dem Malereiboom Anfang der Nullerjahre in eine Sackgasse führte, ist bei ihm Konsequenz.

Nichts anderes demonstriert die erste große Überblicksschau, mit der Scheibitz gerade den neuen Berliner Ausstellungsraum Jarla Partilager einweiht. Der Sammler Gerard De Geer, börsenerprobter Nachfahre eines uralten Adelsgeschlechts mit Draht zum Königshaus, hatte seinen Showroom vor fünf Jahren in den ehemaligen Räumen eines Stockholmer Ramschladens eröffnet. Im letzten Herbst zog er ins Galeriehaus an der Lindenstraße um. Alle zwei Wochen fliegt er nun zur Stippvisite ein, um die 26 Werke in Ruhe zu betrachten. Ein Jahr lang werden sie hier zu sehen sein – „ein Riesengeschenk“ nennt Scheibitz das und hängt Teebeutel in zwei Becher. „Ich hatte erst Bedenken, dass es schiefgehen könnte, ein so großes Konvolut zu zeigen. Aber Gerard De Geer hat ein unglaublich präzises Gespür für die Hängung. Er war sehr leidenschaftlich und wusste genau, was er wollte.“

Und so zeigt sich dort zum ersten Mal in ganzer Bandbreite, worum es Scheibitz geht: Ums Déjàvu. Um den kleinsten gemeinsamen Nenner im kollektiven Bildgedächtnis. Scheibitz leitet simple Formen aus Fundstücken ab und überführt Renaissance-Grotesken, Werbelogos oder Deko-Schleifen in abstrakte Grundmuster, deren Originale wie Echos nachhallen. Man könnte auch sagen: Scheibitz baut der DNA der Dinge einen Verstärker ein. Egal ob auf Gemälden, auf Fotografien oder als Skulpturen – im Zusammenspiel entfalten seine Gebilde eine ganz neue, eigenwillige Präsenz. Die Berliner Ausstellung ist insofern eine Pionierleistung, als sie demonstriert, wie virtuos Scheibitz in den letzten 14 Jahren die Wirklichkeit immer mehr zum Surrogat geschrumpft hat. Trotzdem: Das frühe Gemälde von einem Zimmer im Krefelder Museum Haus Lange trägt bereits den ganzen Scheibitz-Tenor in sich.

„Nur hätte ich heute den Raum wohl nicht gemalt. Meine Kompositionen sind nun offener angelegt als damals.“ Scheibitz balanciert das Teetablett in den Hauptraum nebenan, senkt es auf einem alten Hocker ab und arrangiert mit zwei Drehstühlen, die anderswo reif für den Sperrmüll wären, eine wackelige Sitzgruppe. Von der Decke, durch die sich Stahlträger wie starke Arme ziehen, baumelt eine Trapezstange herab. Selbstgebaute Kandelaber aus Neonröhren
durchfluten ein ein stimmiges Durcheinander: Halbfertige Leinwände, dicht ineinander geschobene Skulpturen und überladene Grafiktische gehen hier eine Symbiose ein. Wenn sich Scheibitz‘ Arbeiten um Vereinfachung drehen, verdichten sie sich im Atelier zu einem einzigen opulenten Stillleben.

Scheibitz lässt sich auf einen Drehstuhl fallen, sein Blick navigiert fachmännisch durch die Fülle im Raum. Auch wenn er nach dem Reduktionsverfahren arbeitet, hat dieser Mann wenig gemein mit Mies van der Rohes Maxime „weniger ist mehr“ oder anderen Bauhaus-Utopien – obwohl er mit Industriefarben, Lacken und Tuschestiften ebenfalls eine geometrisch definierte Parallelwelt entwirft, in der das Auge ständig auf alte Bekannte trifft: Kreise werden zu Köpfen, zackig gezogene Dreiecke zu Dächern oder Tannen, gebogene Linien zum Theatersitzplan. Doch statt sich an einem schulmeisterlichen Esoteriker wie Wassily Kandinsky zu orientieren, der 1926 in seinem Buch „Punkt und Linie zu Fläche“ Grundformen und -farben bestimmte Gefühle zuordnete, ist Scheibitz ein geistiger Erbe Aby Warburgs. Dessen berühmter *Bilderatlas Mnemosyne* deckte Anfang des 20. Jahrhunderts die Ähnlichkeiten zwischen den Dingen auf und nahm so die immer bilderlastiger werdende Welt vorweg – und genau die hat es Scheibitz angetan. 

„Wie sieht *Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten* auf einem Rembrandt und wie auf einer Briefmarke aus?“ fragt er und erzählt, dass er bei Warburg den Begriff „Schlagbild“ als Pendant zum „Schlagwort“ gefunden habe – ein Phänomen, das dem Zeitungsfoto gegenüber der Zeile einen klaren Vorteil einräumt. Scheibitz‘ Augen leuchten. „Text und Image gehen heute eine andere Kombination ein als früher! Die Frontpage wird jetzt optisch aufbereitet. Aber: Wie viel Wahrheit steckt dann in einem Bild?“ Falls es einen kleinsten gemeinsamen Nenner der Kunst der letzten zwanzig Jahre gibt, dann wohl eben diese Frage. Doch im Gegensatz zu vielen politisch ambitionierten Künstlern, die Pressebilder eins zu eins benutzen, geht es Scheibitz nicht um Tagespolitik. „Ich beziehe mich nicht auf dokumentarische Wahrheiten“, sagt er und durchblättert ein Notizheft voller energischer Kritzeleien. „Es ist nicht mein Thema, wenn durch ein gefälschtes Foto ein Krieg ausbricht. Aber es ist das Thema der Bildwissenschaften.“ Die Gesellschaft tritt bei Scheibitz also durch die Hintertür ein.

Doch so poppig-grell und flott dahingeworfen seine Werke aussehen, so langwierig ist der Weg dorthin. Scheibitz‘ Archiv aus Fotos, Zeitungsausschnitten und allerlei Alltagskram, wie es Gerhard Richter in den Sechzigern anlegte und damit einen Grundstein für spätere Malergenerationen legte, dient ihm als Basis für seine Skizzen. An ihnen erprobt er Kompositionen, die er später auf die Skulptur oder die Leinwand überträgt – einzeln abfotografiert, stellt er die Vorlagen später als Quellen, oder „Doubles“, wie er sie nennt, mit aus. „Ein Bild ist bei mir sehr kalkuliert. Es könnte aber auch so aussehen, als wäre es an einem einzigen Nachmittag gemalt.“

Auf dem Boden vor einer King-Size-Leinwand, die Scheibitz schon seit fünf Jahren keine Ruhe lässt, steht ein Architekturmodell aus Pappe: Im Herbst eröffnet das MMK in Frankfurt seine erste museale Einzelschau in Deutschland. Ihr Schwerpunkt? Die Figur. „Seit 20 Jahren schiebe ich das Thema vor mir her, weil mir nie eine zeitgemäße Form eingefallen ist“, sagt Scheibitz und verzieht grübelnd das Gesicht. Es gebe nur zwei, drei Schlüsselbilder, in denen das funktioniert habe. „Auf die baue ich auf und versuche, mich mit Stellvertretern, Avataren, dieser Form zu nähern.“

Dabei wohnt Scheibitz‘ Bildern trotz aller Geometrie sowieso meist etwas Organisches inne. Auch die Formate spiegeln die menschliche Statur – was die Frage beantwortet, ob ihn schon einmal jemand mit Pop Art in Verbindung gebracht habe. Scheibitz schüttelt energisch den Kopf. „Ich orientiere mich zwar am Populären, aber Pop interessiert mich nicht. Ich habe eine klassische Grundhaltung.“ Lautes S-Bahn-Brausen erschüttert den Raum und lässt die Stahlträger vibrieren. Der europäische Kontext sei ihm wichtig, meint Scheibitz – was sich nicht nur an dem latenten Kubismus seiner Arbeit festmachen lässt, sondern auch am menschlichen Maß. „Grotesken und Logos beziehen sich ja auch auf den Körper. Und die Bildformate haben in Europa immer Fensterwirkung. In Amerika orientiert man sich an der Wand.“

Irgendwie passt es zu solchen Sätzen, dass Scheibitz in einem alteingesessenen Steinmetzbetrieb aufwuchs. Dort modellierte er Schriften für Grabplatten und absolvierte nebenbei eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. „Das hat mir bis heute bei der Arbeit mit Positiv-Negativ-Formen geholfen. Zeichnen heißt, die Dinge zu verstehen“, sagt er und schmunzelt, ein Professor habe ihm gesagt, seine Skizzen sähen aus wie Bildhauerei. „Bei mir war es schon immer so: Mein Thema umfasst alles, was Schatten wirft“ – ein Ansatz, den er an Dresdener Akademie entwickelte.

Dort teilte Scheibitz das Atelier mit Eberhard Havekost, der nach dem Abschuss gemeinsam mit Frank Nitsche zu seinen Kollegen bei der Dresdener Galerie Gebr. Lehmann zählen sollte. Mit dem Hinweis darauf, dass alle drei nach dem Reduktionsverfahren arbeiteten und coole Motive in leuchtenden Farben malten, beschwor man um die Jahrtausendwende eine Gruppe Lokalmatadore herauf. Kurzfristig wurde so eine Marke für den Kunstbetrieb kreiert, auf die selbst der Londoner White Cube-Galerist Jay Jopling ansprang. Doch Scheibitz hielt nie etwas davon. 2003 kam es lautstark zum Bruch – nicht zum Schaden von Scheibitz, der bald seinen Biennale-Beitrag vorbereitete und im Programm von Sprüth Magers landete. Er war es auch, der ihre Räume einweihte, als die Galerie 2008 von Köln nach Berlin umzog.

Seitdem bewegt sich Scheibitz in einer, wie er es nennt, „geordneten Unabhängigkeit“ – was nur in einer Galerie möglich sei, die nach alten Idealen handelt und nicht auf Trends setzt. Entsprechend fundiert klingt auch die Begeisterung, mit der Philomene Magers über Scheibitz spricht: „Er ist in seiner Generation einer der Künstler, der sich am ernsthaftesten mit der Frage der ästhetischen Form, ihrer Ausdrucksmöglichkeiten und Bedeutungsebenen beschäftigt. Den Anstoß für diese Überlegungen findet er in der Kunstgeschichte, Literatur und zeitgenössischer Musik, die aber nicht als direkte Referenz funktionieren, sondern vielmehr als eigenes Formenvokabular rätselhaft und voller Spannung bleiben.“ Auch Scheibitz‘ New Yorker Galeristin Tanya Bonakdar hält ihm die Stange, die nun schon seine sechste Schau auf die Beine stellt. Und wenn die MMK-Ausstellung nächstes Jahr ins Wexner Center in Ohio wandert, ist endgültig klar: Scheibitz zählt zu den wenigen deutschen Malern, die jenseits von narrativer Gefühlsduselei Position beziehen und sich selbst in die Memoiren der Kunstgeschichte eingeschrieben haben. Wenn die Schatten der Dinge sein Thema sind, dann wirft er seinen eigenen weit voraus.

© Gesine Borcherdt