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Banksy ist Establishment, elitär und teuer

Überall werden Graffiti des britischen Künstlers aus den Wänden geschnitten, um sie teuer zu verkaufen. Ein Fall im Gaza-Streifen zeigt aber, wie verantwortungslos auch Banksy selbst agiert.

Die Welt, 2. April 2015

Es kann schon sein, dass Banksy es gut gemeint hat, als er in Gaza-Stadt auf die Ruinen des letzten Krieges sprühte. Rund 110.000 Menschen verloren im Sommer 2014 ihr Obdach, darunter auch die Familie Darduna. Auf der Tür zu dem, was einmal ihr Haus war, hinterließ der anonyme Graffiti-Star aus Großbritannien ein Bild der griechischen Göttin Niobe.

Sein Besuch machte Schlagzeilen, so wie die Wandmalereien, die er bereits bei früheren Besuchen in der Westbank hinterließ: Viele wurden aus dem Mauerwerk herausgeschnitten und weit unter Marktwert verkauft. Auch bei den Dardunas tauchte eine Gruppe Männer auf, machte Druck und bot 175 Dollar für die Tür – angeblich, um sie ins Museum zu stellen. Der Vater von sechs Kindern nahm das Geld, ohne zu wissen, dass Banksys Bilder am Kunstmarkt Hunderttausende einbringen. Als er erfuhr, was seine Tür Wert war, forderte er sie zurück. Vergebens, versteht sich.

Muss man nun die Betrüger anklagen? Oder eher eine andere Frage stellen: Wie kommt Banksy eigentlich dazu, seine Bilder wie bares Geld unter Leute zu streuen, die alles verloren haben außer ihrem Leben? Die vom Kunstmarkt nicht weiter entfernt sein könnten und in ihrer Not auf jeden hereinfallen, der Wind von dem Geschäft bekommen hat? Mit der eigenen Popularität auf das Leid der Menschen hinzuweisen ist die eine Sache, sie mit den Gaben alleine zu lassen eine andere.

Auch wenn er wahrscheinlich das Gegenteil wollte: Banksy statuiert mit seiner Aktion ein sozialdarwinistisches Exempel, das hauptsächlich Habgier und Betrug schürt statt Solidarität. Im Grunde hätte er anstelle von Graffitis mit Kätzchen und Kindern auch einen Luftballon mit Geld über einem Trümmerfeld platzen lassen können, nur um dann zuzusehen, wie sich die Opfer mit letzten Kräften darauf stürzen und einander in blinder Gier die Krücken wegstoßen.

Die Frage, die man stellen muss, ist die nach der Verantwortung eines Künstlers, der am Markt exorbitante Preise erzielt, sich aber nach wie vor street-smart gibt. Hey, sagt seine Kunst, ich bin einer von euch, ich komme von ganz unten, von da, wo es weh tut.

Aber das stimmt eben nicht. Banksy ist nicht mehr der Rebell aus dem Rinnstein. Er ist Establishment – elitär und teuer im Kunstbetrieb und Pop in der Rezeption, weil ihn fast jeder kennt und etwas damit anfangen kann, von Brangelina bis zu den kleinen Gaunern aus Gaza-Stadt. Fünf Milliarden Euro haben die internationalen Hilfsorganisationen dem Gazastreifen versprochen. Bisher ist kaum etwas davon angekommen. Mit einer Spende hätte der Großkünstler Banksy mehr Bürgerpflicht demonstriert als mit einer Kunstaktion, die am Ende doch nur wieder dem einen dient: Banksys eigener Popularität.

© Gesine Borcherdt