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Erntedankfest auf der Kunstfarm

Die Megagalerie Hauser & Wirth eröffnet nach Stützpunkten in Zürich, London und New York ausgerechnet im beschaulichen Somerset eine Filiale – mit Skulpturenpark, Halbpension und Bastelkursen für die ganze Familie. Ein Ortstermin

Welt am Sonntag – 20. Juli 2014

Alles wird gut. Man ahnt es bereits, wenn die Ränder Londons samt Regenwolken hinter einem verschwinden und der Zug durch sanft beschienene Hügel, hinter denen irgendwo Stonehenge liegen muss, Richtung Südwesten rollt. Zwei Stunden später steigt man an einem Bilderbuchbahnhof in der Grafschaft Somerset aus. Ein Taxifahrer, der sich fröhlich für seine Schlipslosigkeit entschuldigt, braust einen durch üppiges Grün, hinein in ein Dörfchen namens Bruton. Dann noch zehn Minuten Fußweg über mehr Kuhfladen als Grashalme und man steht plötzlich vor einer der mächtigsten Kunstgalerien der Welt und denkt: Ja, tatsächlich, "everything is going to be alright". Das jedenfalls hat der Turner-Preisträger Martin Creed als Neonschrift auf das Herrenhaus von 1786 gesetzt. Drumherum: ehemalige Ställe, Hütten, Heuschober, ein Getreidespeicher – und Land. Über 56 Fußballfelder an Äckern, Wäldern und Wiesen gehören zur Durslade Farm, die einmal das ganze Dorf versorgte. Vor tausend Jahren lebten hier Mönche, bis 1546 Familie Berkeley kam, die der Anlage mit gotischen Fenstern und Park im 18. Jahrhundert einen romantischen Touch verlieh. Später kamen Nutzbauten dazu, bis das Ganze vor 30 Jahren in Tiefschlaf fiel – nur kurz geweckt im Jahr 2000, von den Dreharbeiten zu "Chocolat" mit Juliette Binoche und Johnny Depp. Nun wurde Durslade Farm erneut wach geküsst: von der Galerie Hauser & Wirth.

Ausgerechnet dem Imperium, das mit seinen Expansionsgelüsten dem globalen Kunstmarkt gerade das Fürchten lehrt. Von ihren Sitzen in Zürich, London und New York aus werden inzwischen 50 Künstler und zehn Nachlässe – darunter Isa Genzken, Dan Graham, Pierre Huyghe, Louise Bourgeois, Eva Hesse und Anri Sala – auf praktisch alle großen und kleinen, alten und neuen Sammler dieser Welt verteilt. Wo andere Kollegen immer mehr strampeln und sich bei wirbelnden Messerhythmen verzweifelt um Entdeckungen und neue Kundschaft bemühen oder auch nur damit beschäftigt sind, ihre Schützlinge festzuhalten und die nächste Miete zu zahlen, ist es mit Hauser & Wirth wie bei Hase und Igel: Einer ist immer schon da.

"Nicht wir haben den Ort gefunden, sondern der Ort uns", sagt Iwan Wirth bedächtig und nimmt einen tiefen Atemzug vom Duft aus Dung und gemähtem Gras. Seit 2005 lebt er mit seiner Frau Manuela Hauser und den Kindern in der Nähe. Erdung sei wichtig, das Leben im Grünen gut für die geistige Gesundheit. Ja, sicher. Aber was hat dann eine Galerie hier zu suchen? "Wir haben uns in Land und Leute verliebt! Immer wieder kamen wir an dieser Bauernhofruine vorbei, bis wir sie vor fünf Jahren gekauft haben – ohne zu wissen warum. Doch viele unserer Künstler meinten, sie würden gerne Zeit hier verbringen. So entstand die Idee für ein Kunstzentrum."

Tatsächlich ist Hauser & Wirth Somerset nicht wirklich eine Galerie, sondern eher eine Mischung aus Bullerbü und Boutique-Hotel. In den alten Ställen sind fünf Ausstellungsräume bis unter die Dachbalken gefüllt mit großen bunten Pompons und bemalten Holzgebilden von Phyllida Barlow. Hof und Wiese schmücken eine Fantasiefigurengruppe von Paul McCarthy und ein gigantischer Edelstahleimer von Subodh Gupta, den der Taxifahrer von vorhin bereits zur Landmarke erklärt hat – es wirkt, als hätten die Kinder des Riesen Timpetu hier ihr Spielzeug vergessen. Im Garten leuchten bunte Blumeninseln, es gibt einen Buchladen, und dort, wo früher der Melkstand war, eine Bar, gezimmert aus Schrott und Krempel von Dieter Roths Sohn Björn und Enkel Oddur. Im Restaurant nebenan, wo einst die Bauernfamilie aß, hängen dicht gedrängt Kunstwerke, die mit Essen zu tun haben, darunter ein Leuchtkasten mit müdem Koch von Rodney Graham und Neon-Kandelaber von Jason Rhoades. Überall stecken Blumensträuße in Milchkannen, und in der offenen Küche landen Fleischstücke auf dem Feuer, so groß, dass auch der letzte Gast verstanden hat: Hier ist die Welt noch in Ordnung. Zumal man selber überall mitmachen kann. Das Herrenhaus mit sechs Schlafzimmern kann man mieten, man kann Tücher und Geschirr aus der Gegend kaufen und hauseigene Eier, Käse und Schinken, denn abseits von hier ist die Farm wieder in Betrieb. Man kann filzen, korbflechten, etwas über Heilkräuter lernen und seine Kinder in Kunstkurse schicken. Gerade waren 60 Lehrer zur Fortbildung da, und im Elternrat der Dorfschule sitzt Pipilotti Rist, die letztes Jahr als Artist-in-Residence in die alte Brauerei von Bruton gezogen ist – als Nächstes wird Mark Wallinger hier den Sommer verbringen. Zur Eröffnung waren nicht nur Freunde aus der Kunstszene da, sondern 1500 Leute aus der Region, die alle eifrig an der neuen alten Durslade Farm mitgewerkelt haben. Taxifahrer, Anstreicher, Schulkind – fast jeder hier ist jetzt ein bisschen Hauser & Wirth. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, der Großgalerist wolle nach seinem Siegeszug im Kunstmarkt der Welt nun etwas zurückzugeben, was natürlich besser geht mit Blumenkränzen als mit einem gigantischen Kunstkühlschrank, wie ihn der Kollege Larry Gagosian auf seinem globalen Eroberungstrip vor zwei Jahren an einem Pariser Privatflughafen eröffnete, damit die Oligarchen schnell mal zwischenstoppen können. Für Somerset dagegen braucht man kein Flugzeug, sondern einfach nur Zeit – und die Bereitschaft, in eine Hippie-Noblesse einzutauchen, die einen beinahe rammdösig macht. "Der Ort verbindet alles, was wir lieben: Kunst, Landschaft, Architektur, Essen und Gemeinschaft", schwärmt Wirth, der seine erste Galerie in einem Dorf bei St. Gallen eröffnete, bevor er 1992 den Laden in Zürich gründete – da war er 22 – und macht eine weite Geste über den Hof. "Wir füllen hier eine Lücke, weil es keinerlei Kunstförderung gibt. In den Schulen fehlen sogar Farbe und Papier!"

Doch was heißt das nun? Schulbank statt Messekarussell? Art goes bio, weil der Kunstbetrieb nur noch Fast Food verteilt? Im Grunde macht der Bauernhof Sinn, wenn man bedenkt, dass Hauser & Wirth ihren Turbokurs gerne hinter historischen Fassaden verstecken: Am Piccadilly Circus saßen sie zehn Jahre im palladianischen Gebäude einer Bank, im New Yorker Galerienviertel Chelsea eröffneten sie im letzten Jahr eine Riesenhalle, die erst Pferdestall, dann Autowerkstatt war, bevor Ende der Siebziger die Rollschuhdisco "Roxy" einzog. Der nächste Schritt, denkt man, hätte doch ein Sakralbau sein müssen, irgendwo in Asien. Neue Märkte erschließen, noch mehr Geld verdienen! Stattdessen Somerset statt Singapur? "Der Markt erlaubt uns diesen Schritt, aber er hat vor allem mit persönlichen Vorlieben zu tun", erklärt Wirth. "Die Großen werden immer größer, so wie wir auch. Aber das allein langweilt mich. Wir haben schließlich eine Verantwortung zu tragen. Ich verkaufe ja keine Schuhe. Künstler denken über die Welt nach, und ich tue das auch."

Nun ja. In einer Zeit, in der Museen und Künstler praktisch nur noch von privaten Mitteln abhängen, betätigen sich immer mehr Geschäftsleute allein schon aus steuerlichen Gründen philanthropisch. Bisher taten sich vor allem Kunstsammler hervor. Dass nun aber ein Galerist ein allseits beglückendes Rundum-Paket schnürt, ist neu. Und vielleicht macht es sogar Schule. Denn wo sich der Kunstmarkt gerade in ein Börsenparkett verwandelt, auf dem Bilder wie Derivate gehandelt werden und keinen Qualitätskriterien mehr unterliegen, können imagepflegende Entschleunigungs-Statements nicht schaden. Wenn andere nachziehen, werden Hauser & Wirth allerdings schon wieder einen Schritt weiter sein: Für 2016 planen sie eine Dependance in einer alten Sonnenblumenmühle in Los Angeles, mit sieben Gebäuden, Outdoor-Anlage und Paul Schimmel als neuem Partner. Der frühere Chefkurator vom dortigen Museum of Contemporary Art verschaffte Superstars wie Mike Kelley und Paul McCarthy ein frühes Forum, bis er 2012 vom neuen Direktor Jeffrey Deitch geschasst wurde: Der Ex-Glamourgalerist aus New York beförderte das Haus per Kommerz- und Partykurs von der Finanz- in die Inhaltskrise. Es dauerte keine zwei Jahre, dann war er seinen Job los. Nun wird Schimmel also von einer renovierten Mühle aus am Rad der Kunst drehen. "Schon lange wollten wir nach L.A., wo viele unserer Künstler leben", sagt Iwan Wirth, während irgendwo eine Ziege meckert. "Wir haben nur auf die richtige Person gewartet, mit der wir dort arbeiten können." Im Grunde also ganz so wie bei Somerset, wo der Ort ihn gefunden habe und nicht umgekehrt. Abwarten als Erfolgsrezept – vielleicht geht das am besten, wenn man nebenbei Körbe flicht und glaubt: Das alles ist einfach unheimlich gut.

www.hauserwirthsomerset.com

© Gesine Borcherdt