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Aus und vorbei!

Wir haben schon länger geahnt, dass die Frieze Art Fair der Immobilienmarkt der Kunst ist. Hier zählen nur Namen, Preise und ein guter Look. In diesem Jahr verspielt die Messe ihren Kredit. Ein Abgesang.

Welt am Sonntag, 18. Oktober 2015

Im Grunde war das ja klar. Seit 13 Jahren fliegen wir nach London zur Frieze Art Fair, und jedes Jahr wird die Kunst bunter, das Publikum businessglatter, der Small Talk belangloser. Jedes Jahr sieht man weniger experimentelle Galerien und institutionelle Kuratoren. Stattdessen wachsen die hochglänzenden High Heels proportional zu Preisen, die sich wiederum antiproportional zur Qualität der angebotenen Ware verhalten.

Jawohl, Ware. Das Wort an sich wäre nicht weiter schlimm, schließlich sind Messen ja zum Verkaufen da. Wir haben auch gar nichts gegen Messen, auch wenn es inzwischen zu viele sind, vor allem, wenn man die Biennalen dazurechnet. Doch hier in London ist längst nicht alles Kunst, was glänzt. Wenn man durch die Gänge läuft, springen einen rechts und links Tapetenmuster, Erotikspielzeuge und opulenter Zierrat an wie in einem Glitzerkaufhaus.

Die meisten Gebilde stammen von Künstlern, die man kennt, oft von großen Namen. An die Omnipräsenz geschmeidiger Massen-, pardon, Messeproduktion von Anish Kapoor oder Tony Cragg hat man sich sogar schon gewöhnt – die findet man auch auf der Art Basel oder der Artissima in Turin. Aber abgesehen vom Wetter kann man die Londoner Frieze fast mit der Art Basel Miami Beach verwechseln: Gute Arbeiten – wie Strichfiguren-Zeichnungen von Dan Perjovschi aus den Achtzigern – gehen in schlechter Gesellschaft komplett unter.

Denn was sonst außer sehr teurer Dekoration sind die barock verdrehten Kitschskulpturen und Porträts von Glenn Brown, dem der Galeriegigant Gagosian seinen gesamten, in gediegenem Museumsgrau gestrichenen Stand gewidmet hat? Was soll, im Jahr 50 nach den ersten Puppen von Duane Hanson, die "Cocktail Party" von Tom Friedman, deren lebensgroße Figuren genauso aussehen wie die Menschen drum herum, mit Smartphones und Küsschen links, rechts? Oder Mary Weatherford bei David Kordansky aus Los Angeles: Sämtliche wilden, abstrakten Gemälde mit eingebauten Neonröhren gingen zwischen 125.000 und 215.000 Pfund schon vor zwölf Uhr mittags weg, passend zum Hype um junge oder wiederentdeckte Abstraktion. Vor allem Museen hätten gekauft, heißt es am Stand. Das ist verblüffend, denn die Bilder sind von einer marktschreierischen Belanglosigkeit. Wie so vieles hier. "She's got a great style", kommentiert ein Besucher. Ein anderer sagt: "Money never sleeps."

Muss man sich darüber aufregen? Kennen wir das alles nicht längst? Und vor allem: Ist es nicht legitim, dass es auf einer Kunstmesse zugeht wie bei der Fashion Week oder bei Goldman Sachs? Kunst ist heute Mainstream, und der muss auch mal vulgär sein dürfen.

Doch keine Stadt verkörpert das so sehr wie London. Dass Subkultur hier längst Big Business ist, dafür steht allein schon der Name der Messe: "Frieze" geht auf die legendäre Ausstellung "Freeze" zurück, die der heutige Superstar Damien Hirst 1988 organisierte. 16 Künstler, darunter Sarah Lucas, Tracey Emin, Gary Hume und er selbst, stellten in einem leeren Gebäude der Londoner Docklands aus, damals eine No-go-Area im Osten der Stadt. Was folgte, ist bekannt: Der Sammler Charles Saatchi, der Galerist Jay Jopling und später die Ausstellung "Sensation" befeuerten den Mythos und die Preise der Young British Artists. Hirsts Hai in Formaldehyd wurde so etwas wie die Mona Lisa der Neunzigerjahre, Tracey Emins besudeltes Bett für den Turner-Preis nominiert. Ein paar Jahre später brannte Saatchis Lager ab, möglicherweise ein Werbegag, auf jeden Fall aber Menetekel auf den Niedergang einer Ära. Bis auf Hirst, der sich immer wieder neu erfindet (siehe Artikel auf der gegenüberliegenden Seite), sind die Young British Artists Schnee von gestern. Dafür kostet nun eine Zweizimmerwohnung im Eastend locker eine Million Pfund, rund dreimal so viel wie früher. Für den Preis bekäme man nicht mal eine Flosse von Hirsts Hai.

Natürlich ist auch das nicht neu: Wo Künstler hinziehen, kommen auch bald Investoren. Das passiert in New York mit Harlem, in Berlin mit Neukölln. Doch London legt dabei eine besondere Perversion und Schnelligkeit an den Tag, die Wohnen zum Angstthema macht. Wer als Künstler nicht zu den Superreichen gehört oder drei Jobs parallel nachgeht, steckt eine 50-prozentige Mietsteigerung von einem Monat auf den nächsten nicht so leicht weg – zumal wenn ein zugiges Loft in Shoreditch plötzlich 3000 Pfund kostet. Und wo der eine nach Peckham oder Deptford auswich – Viertel in denen noch vor vier Jahren bei den Riots die Straßen brannten –, überlegt der andere heute, nach Kent oder gleich ans Meer zu ziehen, weil Peckham schon wieder zu hip und zu teuer ist.

Doch nicht nur in angesagten Künstlergegenden legen die Immobilienpreise monatlich um bis zu 30 Prozent zu. Im Norden der Stadt, fast auf halber Strecke zum Flughafen Stansted, ziehen gerade viele Midcareer-Künstler mit Kind in einfachste Townhouses – zumindest die, die wenigstens zwei bürgerliche Berufe nebenher ausüben. Die Kaufpreise steigen alle zwei Wochen um 20.000 Pfund. Wer bereit ist, sich für die nächsten 30 Jahre zu verschulden, ist mit 600.000 Pfund für ein Haus noch gut dran – plus etwa 75.000 Pfund, die man beim Bietgefecht gegen die anderen Anwärter bei der Agentur drauflegen muss. Welcher Künstler kann das schon? Und welcher Kritiker? Oder welcher Museumskurator? Fast könnte man meinen, dass auch ein Chris Dercon lieber mit dem Fahrrad zur Volksbühne fährt als stundenlang mit der Overground zur Tate Modern.

Zur Frieze gehört ein gleichnamiges Kunstmagazin, das ziemlich verkopft und edgy sein will. Doch wenn auf der Messe jemals ein inhaltlicher Schwerpunkt zu spüren war, so scheint er jetzt so weit abgedrängt wie die Künstler an den Stadtrand. Inzwischen haben sich auch Galerien verabschiedet, deren Programm man nicht nur über schnelle Netzhautstimulation erfasst. "Das ist nicht unser Publikum", erklärt Thomas Rieger, Direktor der Konrad Fischer Galerie aus Düsseldorf, der die Messe nun als Besucher abschreitet. Seine Konzeptkünstler der ersten Stunde wie Lawrence Weiner und Bruce Nauman sieht er hier nur noch in schnell konsumierbaren Zitaten verarbeitet. Die Galerie hat in den letzten Jahren hier und an der Parallelmesse Frieze Masters teilgenommen, die seit 2012 auf der anderen Seite des Regent's Park mit Altmeistern und modernen Klassikern wirbt. Doch auch dort schwammen die dicken Fische an ihm vorbei. Dabei hat die Frieze Masters tatsächlich das Potenzial zur Ruhe und Werthaltigkeit. Als 2008 der Markt für Gegenwartskunst einbrach, wurde Kunsthistorisches zum Auffangbecken für Investoren – diesen Gedanken hatten Matthew Slotover und Amanda Sharp schnell verstanden. In diesem Jahr leiten sie die Frieze zum letzten Mal. Auch wenn die Frieze Masters gegen die Zweitklassigkeit kämpft: Sie bietet einen angenehmen Kontrapunkt zur Aufregung im Hauptzelt. Ja, Zelt: Ausgerechnet in London findet die einzige Kunstmesse zwischen Plastikplanen statt.

Dass hier vor allem flashig-witzige Kunst funktioniert, hat übrigens mit der Tradition zu tun. Von Richard Hamiltons beißender Wohnzimmercollage "Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?" aus dem Jahr 1956, die manchen als erstes Werk der Pop-Art gilt, bis zu Damien Hirsts Hai "The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living" von 1991 mischte sich die Kunst in London fast immer mit Pop und Punk, Mode und Musik, Malcolm McLaren und Kate Moss. Das hat Sinn in einer Stadt, in der vor allem Werber, Banker und Hedgefonds-Manager leben. Sie sind es gewohnt, sehr schnell sehr viel Geld für etwas auszugeben, das man auf den ersten Blick als Marke erkennt. Und das hat vor allem heute Sinn: Viele Frieze-Kunden, die in London einen Zweitwohnsitz haben, stammen aus China, Russland und den Arabischen Emiraten. Zur Frieze kommen sie nicht, weil man sich hier vor ephemeren oder subtilen Gesten so schön in Versenkung üben kann. Gekauft werden Namen, Preise, der Look von Kunst. Wie auf dem Immobilienmarkt.

Keine Frage: Das ist gut fürs Geschäft. Aber schlecht für die Kunst. Wer hier Erfolg hat, lernt schmalspurig zu denken. Vielleicht tut man das sowieso, wenn man in Gedanken immer bei den Mietpreisen ist. Wenn das so weitergeht, ist London bald eine Geisterstadt für Banker und Kunsttouristen. Die Frieze ist es bereits.

© Gesine Borcherdt