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Jeremy Shaw

Jeremy Shaw

17. Mai - 30. Juni 2018

Quicke­ners: Sie leben etwa 500 Jahre nach uns und gehören zu der rein rational denkenden und handelnden Spezies der Quan­tum-Huma­no­iden, die unsterb­lich und durch eine abstrakte Einheit namens "Hive" mitein­an­der verbun­den sind. Die Quickeners haben jedoch eine Besonderheit. Sie leiden an dem sogenannten "Human Atavism Syndrom", kurz H.A.S., das sie eigent­lich längst überwundene, ordinäre Verhal­tens­muster der Menschen erleben lässt. Losge­löst vom Hive geraten die Quickeners in eine Art Ekstase, in der sie singen, klat­schen, weinen, schreien, tanzen und mit Schlan­gen hantieren.

Die Video-Arbeit "Quicke­ners" (2014) des kanadischen Künst­lers Jeremy Shaw ist eine Art Sci-Fi-Pseudo-Dokumentation. Die Bilder basieren auf Ausschnitten aus dem 1967 erschie­ne­nen Film "Holy Ghost People" – einem Cinema Verité-Film, der den Gottes­dienst einer Pfingst­ge­meinde in einer ameri­ka­ni­schen Klein­stadt zeigt. In diesen Kirchen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika entstanden, war es nicht ungewöhnlich, dass Menschen plötzlich in „fremden Zungen“ sprachen, laut auflachten, in Tränen ausbrachen oder zuckende Anfälle erlebten. In Shaws überarbeitetem Video berichtet ein BBC-artiger Sprecher in sachlich-verrauschtem Ton über die Quickeners. Seine Erzählung wird von Untertiteln begleitet, die die wirre Sprache der Quickeners übersetzen. Zudem entwickelt sich ein Soundtrack, bis der Film selbst in Ekstase gerät.

Jeremy Shaws Arbeit kreist immer wieder um verän­der­te Bewusst­seins­zu­stän­de – ob ausgelöst durch religiöse Ekstase, Drogenrausch, Tanz oder Technologie. Für das Video "DMT" (2004) doku­men­tierte er Menschen unter dem Einfluss der ultra-psychedelischen Droge Dime­thyl­trypt­amin und übertrug ihre unmittelbaren Erinnerungen an diese Erfahrung in Untertitel. Bei "Best Minds Part One" (2007) verwendete er Archiv-Aufnah­men von Strai­ght-Edge-Tänzern, die sich bewusst von Alko­hol und Drogen fern­hal­ten, um allein durch Musik und Tanz in eine Art puristische Ekstase zu geraten. Shaw verlangsamte die Aufnahmen und fügte einen Soundtrack hinzu, so dass die Bilder an Scha­ma­nen­tänze oder Ballett erin­nerten. Ethnografische Untersuchungen, Neurowissenschaften und Glaubenssysteme spielen bei Shaw eine wiederkehrende Rolle. „Quickeners“ fügt sich in diesen Themenkosmos ein und bringt sie in einer prägnanten alchemistischen Fusion zusammen. Die Arbeit geht damit der im ähnlichen Kontext verhafteten Videoarbeit „Liminals“ voraus, die auf der letzten Biennale von Venedig zu sehen war. Auf sie folgt die Videoarbeit „I Can See Forever“, die im Mai 2018 im Kunstverein Hamburg erstmals zu sehen sein wird.

 

Jeremy Shaw, geboren 1977 in North Vancouver, Canada, lebt und arbeitet in Berlin. Derzeit ist er Stipendiat am Hammer Museum, Los Angeles. Ende Mai eröffnet seine Einzelausstellung im Kunstverein Hamburg. Er stellte bereits bei der 57. Biennale von Venedig und der Manifesta 11 aus und hatte Solo-Ausstellungen am Schinkel Pavillon Berlin (2013) und am MoMA PS1 (2011).

 

 

Text: Gesine Borcherdt, Kuratorin von CAPRI

 

http://www.capri-raum.com