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Lily van der Stokker

31. März – 7. Mai 2017

CAPRI, Düsseldorf

Seit über 30 Jahren befasst sich Lily van der Stokker mit den Themen Alltag und Weiblichkeit, Dekoration und Design sowie mit der Psychologie des Häuslichen. Die Überwindung der Leinwandgrenze spielt dabei eine zentrale Rolle. Konzentrierte sich die Künstlerin jahrzehntelang vor allem auf Wandmalereien, die sie teils auf subversiv-illustrative, vermeintlich humorvolle Weise mit Sprachfetzen kombinierte, werden diese in letzter Zeit zunehmend um skulpturale Elemente und Möbel ergänzt. So entstehen raumgreifende Environments, in denen Malerei und Design ineinanderfließen. Für ihre Ausstellung bei CAPRI hat Lily van der Stokker ein häusliches Setting aus Möbeln, Teppich und Malerei eingerichtet, das den für ihre Arbeit typisch spielerischen Charakter vermittelt. Alle Teile der Installation sind mit demselben Dekor aus gelben, blauen und rosa Blumen und floral gewundenen Linien überzogen. Auf diese Weise entsteht eine vermeintlich naive, frivole Ästhetik, mit der die Künstlerin eine Symbolwelt des Femininen frontal zur Schau stellt: „Living Room/ Wohnzimmer“ wirkt sensibel und fordernd, kindlich und damenhaft, emotional und konstruiert zugleich. Traditionelle Grenzen zwischen Kunst und Design, Malerei und Dekoration, Muster, Materialien und Techniken fließen ineinander. Das Gemälde wird zur Tapete, während Sessel, Teppich und Tisch einen skulpturalen Wert erhalten. Diesem genreübergreifenden Ansatz wohnt eine Ambivalenz inne, wie sie van der Stokkers Arbeit seit jeher kennzeichnet: Die Möbel sind Designobjekte, die sich im Widerstreit mit Design befinden, ebenso wie die Kunst im Widerstreit mit der Kunst. „Living Room/ Wohnzimmer“ ist eine Mischung aus Kinderzimmer und Salon, in der sich die Sehnsucht nach Schutz, Komfort und privatem Lebensraum spiegelt, nach gestaltetem Leben und kindlicher Fantasie. Diese rokoko-artige Welt entfaltet jedoch in ihrer kapriziösen, cartoonesken Dekoration eine kaum zu verarbeitende Überfülle – wodurch das vermeintlich funktional-häusliche, mädchenhaft-spielerische Szenario ins Beklemmende kippt. Das eben noch so Vertraute wirkt plötzlich bedrohlich und surreal. „Living Room/ Wohnzimmer“ wird zum Symbol häuslicher Repression. Lily van der Stokker, geboren 1954 im niederländischen Den Bosch, lebt und arbeitet in Amsterdam und New York. Einzelausstellungen zeigte sie u.a. im Hammer Museum Los Angeles (2015), im New Museum New York (2013), in der Galerie kaufmann repetto, Mailand (2012) und im Museum Ludwig, Köln (2003). Sie nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, darunter im San Francisco Museum of Modern Art (2011), in der South London Gallery (2010) und bei De Appel, Amsterdam (2008).

Text: Gesine Borcherdt, Kuratorin von CAPRI