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Maria Loboda – The pursuit of illusions and the dissipation of energy on false choices. Under rare and extreme circumstances, may indicate the revelation of transcendental spiritual truth

30. Oktober 2015 – 8. Januar 2016

CAPRI, Düsseldorf

Täuschungen und Aberglaube, mystische Symbole und verschlüsselte Botschaften – Maria Loboda (geboren 1979 in Krakau) hat ein Faible für Geschichten hinter den Dingen. Sie deckt in ihnen einen historischen, kulturell kodierten Zeichenkosmos auf, an dem sich Ängste und Sehnsüchte ästhetisch manifestieren. In ihren räumlichen Collagen aus vorgefundenen und angefertigten Elementen ordnet sie diese Symbole neu. Dabei birgt das elegante, ruhige Erscheinungsbild ihrer sorgsam gewählten und fein verarbeiteten Materialien stets einen verstörenden Kern: Blumenbouquets entpuppen sich als Allegorien für Beleidigungen, aufgereihte Topfpflanzen als Metaphern für eine antike Militärstrategie. Nichts ist wie es scheint – Lobodas Arbeit ist ein einziger, hochgradig psychologisch aufgeladener Trompe-l’œil-Effekt. Für CAPRI hat Loboda eine neue Installation entworfen. Der gesamte Raum ist in der Farbe Seladon gestrichen: Ein graublasser, jadefarbener Grünton, der auf eine edle Lasurtechnik chinesischer und koreanischer Steinkeramik aus dem 9. bis 15. Jahrhundert zurückgeht. Deren Farbe galt als „unbeschreiblich“, ihre ruhige Eleganz wurde mit dem Geist des Zen-Buddhismus verglichen. Im Mittelalter gelangte sie nach Europa, wo ihr, wie es heißt, ein französischer Roman des 17. Jahrhunderts ihre heutige Bezeichnung verlieh: „Céladon“ war der Name des grün gekleideten Hirten aus Honoré d’Ufrés berühmtem Schäferroman „L’Astrée“, der um dessen unmögliche Liebe zur Titelfigur Astrée kreist. Der Roman wurde wegen seiner psychologischen Einfühlsamkeit, der kultivierten Rede und des schönen Dekors zum Vorbild für weitere Schäferromane und motivgebend für Gemälde und Wandteppiche. Der schüchterne Liebhaber ging als Redewendung („être un Céladon“) in die französische Sprache ein. Bei CAPRI wird Seladon zum beziehungsreichen Grundton des Raumes, der sich so in einen spirituellen, ätherischen Ort verwandelt. Über einer quer angebrachten Stange hängen feingeknüpfte Falknerknoten: Es wirkt, als warteten die Seile vergeblich auf die Greifvögel, ähnlich wie der Schäfer auf seine Geliebte. Als Symbole für Selbstoptimierung sind auf der Fensterbank Nahrungsergänzungsmittel platziert: Vitamin B complex, Spirulina, Melantonin und Propolis passen in den Perfektionsdrang unserer Zeit, trotz Stress gesund und ausgeglichen zu sein. Mit dem Titel der Installation bezieht sich Loboda auf die Tarotkarte „Die Sieben der Kelche“, die für Illusionen und Ablenkung von den wesentlichen Dingen des Lebens durch unrealistische Ziele steht: The pursuit of illusions and the dissipation of energy on false choices. Under rare and extreme circumstances, may indicate the revelation of transcendental spiritual truth. (Die Jagd nach Illusionen und die Energieverschwendung auf falsche Entscheidungen. Kann unter seltenen und extremen Umständen auf die Enthüllung transzendentaler spiritueller Wahrheit hinweisen.) Spirituelle Wahrheit lässt sich auf den Farbton Céladon, die Jagd nach Illusionen auf die ausbleibenden Falken und die Supplements übertragen: Die Installation wird zum Warteraum unerfüllter Hoffnung, die aber auch in Erleuchtung umschlagen kann.

Text: Gesine Borcherdt, Curator of CAPRI

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