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Martin Boyce – Spook School

Martin Boyce – Spook School

1. September – 22. Oktober 2016

CAPRI, Düsseldorf

Der schottische Künstler Martin Boyce treibt die Geister der Moderne vor sich her. Elemente von Architektur, Design und Kunst des frühen 20. Jahrhunderts kombiniert er mit Verweisen auf Poesie und Natur sowie auf Bewegungen wie Film Noir und Post-Punk-Musik. Auf diese Weise entsteht eine latent narrative, melancholische Atmosphäre, die den Autonomieanspruch der klassischen Avantgarde – also die Unabhängigkeit von Zeit, Ort und Inhalten – unterwandert. Boyce geht es um mehr als bloße Zitate der Vergangenheit: Er benutzt das Bild, was wir von ihr haben und fragt danach, wie daraus etwas Neues entstehen kann.

Bekannt wurde Boyce mit Skulpturen aus Metall oder Beton, die auf Wohnblöcke, Lüftungsgitter oder Leuchtsysteme anspielen. Seinen Verweisen auf diese gebauten Utopien von Charles und Ray Eames, Gerrit Rietfeld oder Jan und Joël Martel wohnt stets ein dunkler, geheimnisvoller Unterton inne: Die Funktionalität von Gebäuden oder Objekten transportiert nicht nur die Ideologie der Moderne, für ein besseres Leben zu bauen, sondern erzählt von Träumen und Sehnsüchten, die wie Gespenster durch unsere Gegenwart schweben. Diese subtile Präsenz von Vergänglichkeit verleiht Boyce’ Werk einen romantischen Zug. 

Boyce’ Fotoarbeiten sind als Kondensate seiner Skulpturen zu verstehen. Die bei CAPRI erstmals gezeigte 21teilige Serie „....“ ist eine Weiterentwicklung von A Partial Eclipse (2012), die nebenbei auf Reisen entstanden ist: Mit Blicken aus dem Auto, aus Hotelzimmerfenstern oder auf der Straße nimmt Boyce Situationen urbaner Gestaltung ins Visier – Parkbänke, Hotelfassaden, Innenhöfe – und filtert das Licht heraus, was den Fotos einen morbiden, rätselhaften Charakter verleiht, der Boyce’ Arbeit grundsätzlich innewohnt. 

Das wird auch bei der Fotoserie bei CAPRI deutlich. Sie zeigt die Innenräume der ausgebrannten Glasgow School of Art: Ein 1897 bis 1909 errichtetes Gebäude des berühmten schottischen Jugendstil-Architekten Charles Rennie Mackintosh, das in seiner Schlichtheit als Ikone der Baukunst des frühen 20. Jahrhunderts gilt. Bei einem Brand im Mai 2014 wurde es schwer beschädigt. Boyce, der selbst dort studiert hat, erhielt Zugang zu dem Gebäude und machte Aufnahmen der Räume. Daraus entstand eine neue Serie mit 21 Fotografien. Parallel dazu installiert Boyce bei CAPRI verkohlte Holzteile aus der Akademie: Eine Erinnerung dessen, was einmal in die Zukunft gerichtet war. 

Martin Boyce (geboren 1967 in Hamilton, Schottland, lebt und arbeitet in Glasgow) zählt zu den wichtigsten Bildhauern der Gegenwart. 2009 repräsentierte er Schottland auf der 53. Biennale von Venedig. 2011 wurde er mit dem Turner Preis ausgezeichnet. Einzelausstellungen zeigte er u.a. im Kunstmuseum Basel (2015), im SculptureCenter New York (2008), im Westfälischen Kunstverein Münster (2008), in der Ikon Gallery in Birmingham (2008) und im MMK Frankfurt (2002). 

Text: Gesine Borcherdt, Kuratorin von CAPRI