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Olga Balema – Blasted Heath

Olga Balema – Blasted Heath

23. Januar – 28. Februar 2016

CAPRI, Düsseldorf

Olga Balemas Objekte wirken rätselhaft. Ihnen wohnt etwas Organisches inne, zugleich sind sie geformt von industriellen Baustoffen wie Plastik oder Metall. Sie kreisen um das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, die heute irreversibel von ihm geprägt ist. Die Arbeiten ihrer Ausstellung bei Capri, in enger Fülle installiert, waren zuvor im Kunstverein Nürnberg zu sehen, wo sie weitaus großzügiger verteilt waren. Sie spielen auf die landwirtschaftliche Erzeugung von Nahrungsmitteln an und unser damit einhergehendes Konsumverhalten. In der Installation auf kleinem Raum wird die Überproduktion in all ihrer Absurdität und Aggression hautnah spürbar. 

Das Thema Landwirtschaft, der Umgang mit Pflanzen und Tieren ist seit jeher nicht nur von Utilitarismus, sondern auch von gewaltsamer Inbesitznahme, Manipulation und Ausbeutung geprägt, die mit der Industrialisierung rasant zunimmt. Das Problem der Maßlosigkeit und die technische Beherrschung der Erde findet sich bereits in den 50er-Jahren bei Philosophen wie Günter Anders, Georg Jünger oder Martin Heidegger: „Die Welt wird zum Gegenstand. Die Erde selbst kann sich nur noch als der Gegenstand des Angriffs zeigen. Die Natur erscheint (…) als der Gegenstand der Technik.“  In seinem berühmten Vortrag Die Frage nach der Technik (1953) spricht Heidegger von dem technischen Zugriff, der Natur in einen potentiellen „Bestand“ verwandelt, eine bloße Ressource, die man ständig neu berechnen muss.

In ihren Skulpturen greift Balema diesen Aspekt auf und öffnet gleichzeitig den Blick für das „Ungeheure“, das „Fremde“, das der Wahrnehmung von Natur stets innewohnt. Mit dem Ausstellungstitel Blasted Heath (dt: „Gesprengte Heide“) bezieht sich Balema auf den Namen eines Gutshofs aus H.P. Lovecrafts Erzählung The Colour Out of Space, in der es um einen Meteoriteneinschlag geht: Die Explosion verseucht jedes Leben in der Umgebung, die Vegetation wuchert, aber verliert Duft und Geschmack, Tiere werden verrückt und mit deformierten Körpern geboren, Menschen verlieren den Verstand und sterben einer nach dem anderen. Der Ausdruck „Blasted Heath“ findet sich auch bei Macbeth, 1971 verfilmt von Roman Polanski – es ist das unfruchtbare Land, auf dem die Hexen leben; ein magischer und gefährlicher Ort in einer Geschichte über fehlgeleiteten Ehrgeiz. Möglicherweise fand Lovecraft hier den Namen für die Farm in seiner Erzählung. 

Balemas Installation bei Capri erinnert an eine Scheune, die zu dieser Farm gehören könnte. Die Skulpturen tragen Titel wie „Natural submission“, „Latest scientific research“ oder „Full of pests“ und erinnern an Futtertröge, die in ihrer Form und Verarbeitung mit Signalfarben archaisch und industriell zugleich wirken. In den Metallskulpturen „Regulatory bodies“ oder „Weeds I - IV“ kombiniert Balema stabile Werkstoffe wie Metall mit organischen Materialien wie in Salz konservierte Gurkenscheiben. Auf diese Weise bilden sich Korrosionen und Oxidationen auf den Oberflächen, die auf Zerfall und die Kraft physikalischer Prozesse deuten. Die Schriftzüge auf den Metallskulpturen verweisen auf staatliche Behörden, die sich als Institutionen für die Erhaltung und Erneuerung von Wasser, Erde und Land verstehen. 


Olga Balema (*1984, Lwiw, Ukraine) lebt in Berlin. Sie studierte Bildhauerei an der University of Iowa, USA sowie Neue Medien an der University of California, Los Angeles. In den letzten Jahren zeigte sie Einzelausstellungen u.a. in der Galerie Croy Nielsen, Berlin und bei High Art, Paris. Sie nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, darunter 2014 in Nature after Nature im Fridericianum, Kassel, 2015 auf der Trienniale des New Museum, New York und in Stranger than Paradise in der Galerie Sies + Höke, Düsseldorf.

Text: Gesine Borcherdt, Kuratorin von Capri