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Vlatka Horvat – In Suspension

Vlatka Horvat – In Suspension

16. März 2016 – 7. Mai 2016

CAPRI, Düsseldorf

Wie bringt man Dinge zusammen, die nicht zusammen passen? Wie spiegeln sich menschliche Verhaltensmuster im Raum? Was ist das Leben, wenn nicht ein Balanceakt? Vlatka Horvats Arbeit kreist um diese Fragen – mit einfachen, oft vor Ort gefundenen Materialien, die in ihrer Zusammenstellung zu Metaphern alltäglicher Widersprüche, beharrlicher Versuche und heikler Seiltänze werden. Wenn Horvat im physikalischen Raum agiert, ob mit Performances, Fotocollagen oder Skulpturen, schwingt stets eine psychologische und soziale Komponente mit.
 
Stütze und Balance sind auch die Themen ihrer Ausstellung In Suspension bei CAPRI, für die Horvat zwei Installationen entworfen hat. Beide beziehen sich auf ein zentrales architektonisches Element im Raum: den Pfeiler. Dessen Präsenz in der Raummitte definiert ihn als unverzichtbare Stützstruktur. So zierlich er wirkt, hält er doch den Raum zusammen und verleiht der gesamten Architektur den Eindruck von Solidität.
 
Horvat hat nun daran diverse Dinge befestigt – ganze Möbelstücke sowie Fundstücke aus CAPRIs Hinterzimmer – so dass er noch mehr tragen muss als ohnehin schon. Ein poetischer Eingriff, der seine Funktion betont, spiegelt und zugleich ad absurdum führt: Der Pfeiler wird zu einer mythologischen Atlasfigur, die das Gewicht der Welt auf den Schultern trägt. Zugleich verlieren Möbel und Dinge ihren Wert als Gebrauchsgegenstände. Vom Boden abgehoben bilden sie neue Zonen, die Schutz und Intimität ausstrahlen. Der negative Raum unter dem Tisch, wo wir normalerweise unsere Füße platzieren, schwebt plötzlich über uns. Zugleich bewirkt die Kakophonie der Objekte eine Disbalance im Raum: Es scheint, als hätten sich Parasiten oder seltsame Apparaturen an den Pfeiler angedockt, um dessen Stabilität zu kompromittieren. Auf spielerische, humorvolle Art verweisen sie auf die Suche des Menschen nach Halt und auf den Verlust des Bodens unter den Füßen. Eine anthropomorphe Qualität weist auch der Pfeiler selbst auf – ein klassisches Thema der Kunstgeschichte von den Karyatiden der Antike bis zur Minimal Art eines Robert Morris.
 
Die zweite Arbeit ist auf der Fensterbank installiert und nähert sich den Themen Stütze und Balance auf dezentere Weise an: An beiden Enden parallel platzierter Holzbretter sind kleinere Gegenstände und Figurinen drapiert. Das eine Ende befindet sich näher am Fenster und damit an der Grenze nach draußen zur Straße. Das andere Ende strebt tief in die Raummitte hinein. Was an eine Schaufensterauslage, ein wissenschaftliches Versuchsmodell oder eine Wippe vom Spielplatz erinnert, befindet sich in einer prekären Lage, die jederzeit zu kippen droht.
 
Stabilität und Fragilität, Halten und Anlehnen, vergebliches Hinaufstreben und „In-der-Luft-Hängen“: Mit In Suspension beschreibt Vlatka Horvat auf spielerische, leichtfüßige Weise die conditio humana als Seiltanz, in der Unsicherheiten und Widersprüche das Leben zur Hängepartie machen.
 
Text: Gesine Borcherdt, Kuratorin von CAPRI