Interview mit Wael Shawky, künstlerischer Leiter der ersten Art Basel Qatar
Erstmals veranstaltet die Art Basel eine Kunstmesse in Katar – einem islamischen, autokratisch regierten Staat, dessen Einfluss im internationalen Kunstbetrieb wächst. Für Besucher bedeutet es strenge Vorschriften einzuhalten: Dazu zählen „anständige Kleidung“, das Bedecken von Schultern und Knien, ein respektvolles Verhalten gegenüber Religion und Staat. Es wird erwartet, „alle lokalen Gesetze“ zu beachten, während sich die Regeln für die Messe unangekündigt jederzeit ändern können. Wer nicht folgt, kann der Zugang zur Veranstaltung verweigert werden. Für die teilnehmende Galerien bedeutet es eingeschränkte Ausstellungsmöglichkeiten. Neu ist auch, dass mit Wael Shawky ein Künstler zum Leiter der Messe ernannt wurde. 1971 in Alexandria geboren, wurde der Ägypter vor allem mit der Film-Trilogie „Cabaret Crusades“ bekannt, ein Puppenspiel über die Kreuzzüge aus arabischer Sicht.
Für Ihr kuratorisches Konzept der ersten Art Basel Qatar haben Sie den Begriff „Becoming“ gewählt. Was erwartet die Besucher?
Becoming ist ein Sinnbild für die Golfregion im Wandel – so wie sich auch die Messe selbst weiterentwickelt. Die Welt ist in Bewegung: Menschen, Glaubenssysteme, gesellschaftliche Ordnungen und Wissen verändern sich gerade enorm. In der Golfregion treffen jahrtausendealte Traditionen auf globale Netzwerke, wir erleben eine rasante Urbanisierung. Kunst kann diesen Transformationsprozess reflektieren.
Können Sie einige Beispiele nennen, welche Werke und Künstler gezeigt werden?
Wir präsentieren Künstler aus ganz unterschiedlichen geografischen Kontexten und Generationen. Der Fokus liegt auf der MENASA-Region – also dem Nahen Osten, Nordafrika und Südasien – sowie dem weiteren Globalen Süden. Mehr als die Hälfte der Künstler stammt von dort. Es ist erstaunlich, wie ernsthaft, vielfältig und intellektuell vital deren Arbeiten sind, was nun im Dialog mit internationalen Künstlern steht. So benutzt etwa der Bildhauer Ali Cherri die Eckpfeiler Archäologie und Mythos, um sich mit heutiger Gewalt auseinanderzusetzen. Etel Adnans leuchtende Gemälde erforschen Erinnerung und Landschaft in zutiefst meditativer Weise. Mona Hatoums Arbeiten untersuchen Kontrollsysteme und die Verletzlichkeit des Menschen buchstäblich durch räumliche Spannung. Die Gemälde von Marlene Dumas reflektieren Erinnerung, Konflikt und die Fragilität von Identität. Besonders begeistert mich die Sektion Special Projects, für die wir die größte Gruppe neuer Auftragsarbeiten zusammengestellt haben, die je auf einer Art-Basel-Messe präsentiert wurde: Abraham Cruzvillega, Bruce Nauman, Hasan Khan, Khalil Rabah, Nalini Malani, Nour Jaouda, Rayyane Tabet, Sumayya Vally sowie Sweat Variant (Okwui Okpokwasili und Peter Born) haben ortsspezifische Arbeiten entwickelt, die sich über öffentliche Räume in Doha erstrecken und sich mit Architektur und Geschichte auseinandersetzen. Diese Werke erweitern das Thema der Messe und bieten immersive Begegnungen mit Skulptur, Bewegtbild, Performance, Architektur und Klang im urbanen Raum.
Wie wurden die 87 teilnehmenden Galerien ausgewählt?
Der Auswahlprozess folgte denselben strengen Bewerbungs- und Prüfverfahren, die bei allen Art-Basel-Messen gelten. Die Galerien bewarben sich über das reguläre Verfahren, und die Auswahl erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Vincenzo de Bellis, dem Chief Artistic Officer und Global Director of Fairs sowie mit dem Auswahlkomitee der Messe. Dabei wurde Wert auf das Gleichgewicht zwischen regionaler Expertise und globaler Erfahrung gelegt. Die Galerien wurden eingeladen, jeweils einen einzelnen Künstler zu präsentieren und sich auf den thematischen Rahmen einzulassen. Der inhaltliche Aspekt war also wichtiger als die Teilnehmerzahl. Der Schwerpunkt auf dem Globalen Süden war ebenfalls wichtig.
Aus der Künstlerliste geht hervor, dass klassische Medien wie Malerei und Skulptur stark vertreten sind. Welche weiteren Medien werden gezeigt? Wird es digitale Arbeiten geben?
Ja, es werden auch Film, Installation, Klangarbeiten, textile Praktiken, architektonische Interventionen sowie performative Arbeiten zu sehen sein, insbesondere innerhalb des Bereichs Special Projects. Künstler, die mit digitalen Prozessen und Bewegtbild arbeiten, tun dies häufig in Bezug auf historische Kontexte, weniger in Form eines technologischen Spektakels. Es geht nicht um Innovation um ihrer selbst willen, sondern darum, wie Künstler in allen Medien Wandel, Erinnerung und gesellschaftliche Erfahrungen artikulieren können.
Die Art Basel Qatar hat strenge Regeln, die alle Besucher, auch Galeristen und Künstler, beachten müssen. Dazu zählen „bescheidene Kleidung“, das Bedecken von Schultern und Knien, keine öffentlichen Zuneigungsbekundungen oder ein respektvolles Verhalten gegenüber Religion und Staat. Es wird erwartet, „alle lokalen Gesetze“ zu beachten, während sich die Regeln für die Messe unangekündigt jederzeit ändern können. Wer nicht folgt, wird „entfernt“. Wie stehen diese Anforderungen im Verhältnis zu Autonomie und künstlerischer Freiheit in der zeitgenössischen Kunst?
Jeder kulturelle Kontext bringt eigene soziale Rahmenbedingungen mit sich, und Künstler sowie Institutionen weltweit arbeiten routinemäßig innerhalb dieser Realitäten. Wie bei allen ihren Ausgaben der Art Basel ist die Art Basel Qatar kuratorisch und operativ unabhängig. Wir haben hier dieselben strengen Standards angewendet wie bei allen Art-Basel-Messen.
Mit dem Unterschied, dass bei den anderen Messen Werte wie Demokratie und Kunstfreiheit zählen. Wie stellen Sie unter Ihren Einschränkungen die Art-Basel-Qualität sicher?
Die künstlerische und kulturelle Landschaft der Region ist außergewöhnlich reich und vielfältig. Die Kunst, die dort entsteht, ist mutig und dynamisch – sie entspricht in hohem Maße dem Qualitätsanspruch der Art Basel.
Können Sie die Kunstszene in Doha beschreiben? Seit wann leben Sie dort, und wer sind die wichtigsten Akteure und Orte?
Ich arbeite seit vielen Jahren unter anderem in Doha und empfinde die Kunstszene dort als ambitioniert, wissenschaftlich fundiert sowie mit einem beeindruckenden Engagement für institutionellen Aufbau verbunden. Letztes Jahr feierten die Qatar Museums ihr 20-jähriges Bestehen, was mit einer Reihe neuer Projekte zusammenfiel, wie mit dem Lusail Museum, dem Art Mill Museum sowie mit der Errichtung von Katars Pavillon auf dem Giardini-Gelände der Biennale von Venedig.
Der erste Länderpavillon dort seit 31 Jahren. Katar hat dafür ein „Kooperationsprotokoll“ unterzeichnet, in dem steht, dass es in das Kulturerbe von Venedig investiert – ähnlich wie die Art Basel nun von Katar mitfinanziert wird und sich damit dessen für westliche Demokratien fragwürdigen Regeln beugt.
Katar investiert langfristig in eine kulturelle Infrastruktur – nicht nur in Institutionen, sondern auch in Wissensaustausch, künstlerische Karrieren und die Entwicklung neuer Ideen in der Region. Ein schönes Beispiel ist der Kunstraum Fire Station, der aktuell 23 Künstler durch ein Residenzprogramm unterstützt, davon die Hälfte aus der MENAS-Region. Genau dieser Ansatz steht sinnbildlich auch für die Art Basel Qatar: eine Plattform, die regional verwurzelt und weltweit vernetzt ist und so einen internationalen Dialog durch Kunst ermöglicht – und nicht durch politische Hierarchien.