Die Kunsthistorikerin Annika Wienert forscht am Deutschen Historischen Institut Warschau über den Holocaust – und stellt fest: Das Judentum als integraler Bestandteil europäischer Kultur spielt in der Kunstgeschichte keine Rolle, ebenso wenig wie die Bildgeschichte des Antisemitismus. Braucht das Fach eine Revision?
Frau Wienert, Sie sagen, jüdische Kunst spiele in der Kunstgeschichte praktisch keine Rolle. Warum?
Im Studium habe ich über das Judentum so gut wie nichts gelernt. Jüdische Architektur, Handschriften oder liturgische Objekte sind im Fach schlichtweg kein Teil des Kanons. Oft taucht jüdische Präsenz nur indirekt auf – etwa wenn mittelalterliche Kirchen an Stellen stehen, wo zuvor Synagogen zerstört wurden. Dahinter steht auch die falsche Annahme eines jüdischen Bilderverbots. Das Verhältnis des Judentums zum Bild ist aber ebenso komplex wie das des Christentums.
Ist diese Auslassung des Antisemitismus ein Versehen?
Das glaube ich nicht. Solange jüdische Kultur nicht als Teil europäischer Geschichte gesehen wird, bleibt auch die Wahrnehmung ihrer Stigmatisierung erschwert. Es braucht eine systematische Integration jüdischer Geschichte in die Geisteswissenschaften. Es gibt reichlich antisemitische Bildtraditionen, vor allem in der christlichen Kunst. Antisemitismus wird aber weithin ausgeblendet, auch in Museen, Kunsthandel und Lehre, obwohl sich das Fach gern als herrschaftskritisch versteht.
Sie haben deswegen eine Arbeitsgruppe gegründet. Was tun Sie dort?
Die AG „Kunst und Antisemitismus“ im Ulmer Verein – einer der beiden Dachverbände für Kunstgeschichte in Deutschland – analysiert die Gründe der Forschungslücke, liest zentrale Texte der Antisemitismusforschung neu und plant, Materialien für Lehrveranstaltungen zu entwickeln. Denn in der Kunstgeschichte fehlt es an einem fundierten Antisemitismus-Begriff. Das zeigte sich etwa bei der documenta 15, wo eine externe Kommission eingesetzt wurde, um Antisemitismus zu identifizieren.
Wie zeigt sich Antisemitismus in der Gegenwartskunst?
Ein Problem ist die Erwartung, dass zeitgenössische Kunst radikale, „schmerzhafte“ Aussagen treffen soll – aber von wem wird verlangt, Schmerzen ohne Widerspruch hinzunehmen? Für andere marginalisierte Gruppen sollen Safe Spaces geschaffen werden, für Juden und Jüdinnen nicht. Viele Kunstschaffende verkaufen den Antisemitismus in ihren Werken als sogenannte Israelkritik: Israel wird dabei aber dämonisiert oder mit Maßstäben gemessen, die für kein anderes Land gelten. Das ist mehr als politische Kritik.
Welche Bedeutung hat die BDS-Bewegung dabei?
In der Kunstszene gehören israelfeindliche Positionen seit Jahren zum guten Ton und wurden massiv unterschätzt. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde diese Haltung Teil der Ausstellungspraxis. So werden jüdische Künstler und Künstlerinnen de-platformt, außer sie äußern sich selbst anti-israelisch. Institutionen scheuen davor zurück, jüdische oder israelische Positionen zu zeigen – aus Angst vor Angriffen.
Wie zeigt sich Antisemitismus in der Nachkriegszeit?
Eher in Strukturen als in einzelnen Werken. Offener Antisemitismus in Stürmer-Manier war tatsächlich weitgehend tabuisiert. Die Documenta rehabilitierte in der jungen BRD zwar „entartete“ Künstler; diejenigen, die verfolgt wurden, weil sie jüdisch waren, spielten keine Rolle. Lotte Laserstein ist ein Beispiel: Sie malte gegenständlich und wurde nicht wegen ihrer Kunst, sondern als Jüdin verfolgt. Ihr Werk und ihr Schicksal werden erst seit wenigen Jahren gewürdigt.
Nur wenige jüdische Künstler thematisieren den Holocaust, aber viele deutsche Künstler verarbeiten den Krieg oder auch die Judenvernichtung. Wie sehen Sie das?
In der BRD wird schon sehr früh künstlerisch eine Deutung des Nationalsozialismus vorgenommen. Doch die beschränkt sich auf Kriegsleiden, was sie ins Universelle hebt. Eines der prominentesten Beispiele ist Joseph Beuys, dessen fiktive Biografie aus der NS-Zeit lange nicht hinterfragt und Teil seiner Werkmythologie wurde. Dass sich (Mit-)Täter und ihre Nachkommen in die Opferrolle imaginieren und damit international auch monetären Erfolg haben können, finde ich erschütternd. Zwei weitere Beispiele sind Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Ihre Werke verkaufen sich zu Höchstpreisen, hängen in den wichtigsten internationalen Museen, im Bundestag und im Kanzleramt.
Was ist Ihrer Meinung nach problematisch an diesen Künstlern?
Sie gelten allgemein als Vorzeigekünstler, was die künstlerische Verarbeitung des Holocaust angeht – insofern gehen sie einen Schritt weiter als Beuys, dem es nie um das spezifisch jüdische Schicksal ging. Damit erfüllen sie für die deutsche Mehrheitsgesellschaft eine wichtige Funktion, während die tatsächlichen Opfer und ihre Nachfahren nicht annähernd soviel Aufmerksamkeit erhalten. Gerade in der dritten Generation gibt es eine unglaubliche Vielfalt jüdischer künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Richter malt Fotos ab, die der jüdische Widerstand in Auschwitz-Birkenau aufgenommen hat, kleistert sie dann wieder mit Farbe zu, erklärt das zu einem besonders tiefsinnigen Akt und bekommt dafür einen eigenen Ausstellungsraum neben der Gedenkstätte Auschwitz. Anselm Kiefer hat seine gesamte Karriere auf einer Privatmythologie von Materialien wie Stroh und Blei gebaut, die raunend auf den Holocaust anspielt. Mir kommt das vor, als traue sich niemand zu sagen, der Kaiser ist nackt. Das Thema kultureller Aneignung wird hierzulande noch nicht lange diskutiert – aber würden weiße deutsche Künstler die Unterdrückung von People of Color zu ihrem Thema machen, ohne sie dabei mit einzubeziehen? Wohl kaum.
Braucht man Studien, um diese Schieflage zu erkennen?
Studien dazu gibt es reichlich: empirische und theoretische. Die Reaktion auf die Thematisierung von Antisemitismus ist aber in erster Linie Abwehr, nicht der Griff ins Bücherregal. Dabei ist die Unkenntnis groß: Ein großer Teil der Deutschen geht davon aus, keine Juden oder Jüdinnen zu kennen. Es gibt kaum Wissen über die jüdische Kultur, Religion und Verfolgungsgeschichte. Das betrifft auch akademisch gebildete Menschen. Sie verlieren ihre Fähigkeit zur kritischen Reflexion, sobald es um Judentum und Israel geht. Das verweist auf uralte, tief verankerte Denkstrukturen. Jüdische Identität wird dabei oft als Partikularismus abgewertet – selbst das ist bereits eine antisemitische Figur. Gleichzeitig gilt „der Jude“ seit jeher als übermächtig, ist also eher Täter als Opfer, was Empathie natürlich erschwert.
Mein früherer Kunstgeschichtsprofessor sprach kürzlich verächtlich über die jüdische „Blutlinie“ und eine promovierte Kunsthallendirektorin sagte zu mir: „Was habe ich mit Juden und dem Holocaust zu tun?“
Diese Haltung ist symptomatisch. In der ersten Aussage kommt der eben erwähnte Vorwurf des Partikularismus zum Ausdruck: Das Festhalten an einer jüdischen Identität wird als veraltet kritisiert. Die Unkenntnis über jüdisches Leben verbindet sich mit einer Blindheit gegenüber dem eigenen Antisemitismus, was selbst Menschen nicht auffällt, die ihr Leben lang nichts anderes gemacht haben als zu lesen, zu forschen und Fragen zu stellen. Zwar ist es legitim, wenn man sich auf bestimmte Felder innerhalb der Kunstgeschichte konzentrieren will. Aber einen Teil der Bevölkerung Europas auszublenden, ohne den unsere Geschichte nicht denkbar ist, ergibt ein unvollständiges Bild und schreibt die Vorstellung vom Judentum als etwas Fremdem fest.
Kann Kunst selbst hier etwas bewirken?
Ich fürchte kaum. Kunst braucht einen gesellschaftlichen Rahmen, um wirksam zu sein. Und ich kenne auch kaum Beispiele für Werke, abgesehen von Arbeiten zum Holocaust, in denen Antisemitismus kritisch reflektiert wird, sei es als gesellschaftliche Struktur oder als individuelle Betroffenheit. Dennoch kann Kunst Räume schaffen, um Traumata zu verarbeiten – besonders jetzt, da die Ereignisse des 7. Oktober noch keine Distanz erlauben. Kunst kann Gefühle ordnen, Sprache bereitstellen und Solidarität ermöglichen.
Aber kann Solidarität überhaupt entstehen, wenn Juden oft als Täter wahrgenommen werden?
Das ist eine langfristige Aufgabe. Wichtig ist, klare Grenzen zu setzen, Position zu beziehen und Konsequenzen einzufordern. Die ständige Wiederholung der Behauptung „Antizionismus ist kein Antisemitismus“ verdeckt die Problematik. Antisemitismus ist sehr real hat für die Betroffenen gravierende Konsequenzen. In vielen Bereichen der Kunstwelt existiert hierzu kein Konsens – das macht die Auseinandersetzung so schwierig.